|
AZ 20050331.Bender
Für einen Mann hatte er ungewöhnlich schöne Hände.
Lange Finger, aber man sah ihnen an, dass sie Kraft hatten, obwohl sie
schlank waren.
Künstlerhände könnte man mit Recht sagen.
Vielleicht könnte man auch sagen, dass er mit 18 noch nicht wirklich
ein Mann war, aber es stand nicht zu erwarten, dass seine Hände sich
sehr verändern würden in den nächsten Jahren.
Nun glitt die Rechte langsam über die elegante Kurve des Frauenkörpers,
den das Kerzenlicht weich modulierte. Die Linie von Taille und Hüfte,
oft dem Versuch der Berechnung unterworfen, viel öfter noch in der
Kunst dargestellt, und darauf diese helle, sehnige Hand. Einen kleinen,
sanften Schatten warf sie.
Nur ein Detail störte die perfekte Harmonie dieses Bildes. Der Ringfinger
endete oberhalb des ersten Fingergliedes in einem narbigen Stumpf. Davon
lenkten auch die Ringe nicht ab, die an Mittel- und Zeigefinger steckten.
Beide waren aus Silber. Der Ring am Mittelfinger war breiter, ein durchbrochenes
keltisches Muster aus vier ineinander verwobenen Metallfäden. Der
andere Ring war ein schmales Band, dass zum Handrücken hin eine Schlaufe
bildete. In dieser Schlaufe war mit einem Ring ein in Silber gefasster,
weißer Stein eingehangen, der sich bei jeder Bewegung ein wenig
bewegte und Funken sprühte.
Die Haut des Mädchens war sehr weiß und schimmerte wie Alabaster
unter dem dünnen Schweißfilm. Sie hatte langes, schwarzgefärbtes
Haar, das ihr nun zerzaust ums Gesicht hin, in der Stirn und am Rücken
klebte. Ihre vollen, geröteten Lippen und der Ausdruck in ihren Augen
verrieten noch, was sie vorhin getan hatten. Wie vollendet das Gefühl
in der Vereinigung gewesen war. Sie war satt wie die Katze, die die Sahne
gefunden hatte. Dennoch konnte sie lächeln, als die beringten Finger
einen neuen Weg nahmen, als sie durch die Senke neben der Hüfte hin
zu ihrer rasierten Scham wanderten.
Die Fingerkuppen überquerten ihren flachen, festen Bauch (wo sein
Mund und seine Zunge zuvor ein unsichtbares Labyrinth aufgemalt hatten)
um dorthin zu kommen, wo seine Lippen auch schon gewesen waren. Unwillkürlich
öffnete sie die Beine ein wenig weiter, Vorfreude ließ ihr
Lächeln noch tiefer werden.
"Du hast Künstlerhände ... Musikerhände, und ich
bin dein Instrument...", gurrte sie schließlich, seinen Kopf
mit den Händen zu sich ziehend, damit sie ihn küssen konnte.
Weiche Lippen fanden sich, Zungen umspielten, umschmeichelten sich, fanden
den eigenen Geschmack beim anderen nach Stunden voller intimer Nähe.
"Dann kann ich nur sagen, Lena, dass du ein wundervoller Klangkörper
bist", lachte Gipsy und lehnte sich bequem auf den linken Arm, sie
weiter ansehend und streichelnd.
"Du könntest dir meinen Namen tätowieren lassen",
schlug sie vor. "Hier..." Ihre Fingerspitzen mit den lackierten
Nägeln fuhren über seine Brust. "Hier über dem Herzen."
Seine reche Hand fing ihre ein und legte sie auf die Bettdecke zwischen
ihnen ab.
"Das heißt wohl 'Nein, das ist ein dummer Plan'?", fragte
sie und er nickte.
"Du kannst nicht immer nur nehmen, Gipsy. Du musst auch einmal anfangen
zu geben, etwas zu investieren. Bindungen erfordern Mut, sei mal mutig."
Er seufzte, drehte sich um und griff nach seinen Zigaretten, die auf
dem Nachttisch lagen.
Sie war schön, sie war sexy, sie war begehrenswert und umschwärmt,
aber sie war auch mächtig anstrengend. Eine Frau wie Treibsand. Man
ging darin unter, wo man gerade noch dachte, man hätte einen festen,
guten Stand gehabt.
Die Flamme fraß sich am roten Köpfchen des Streichholzes entlang,
färbte es Schwarz, ein Geruch nach Phosphor war kurz wahrzunehmen.
So war es mit der Liebe - wenn sie loderte, fraß sie auf, was sie
nährte.
Tief sog er den ersten Zug in seine Lungen, sah zu, wie die Glut sich
durch das weiße Papier sengte, wie sich ein grauer Aschekegel am
Ende des Tabakröllchens bildete.
Länger brauchte er nicht, um eine Entscheidung zu fällen, während
sie nur auf seine knochigen Schultern sehen konnte, seinen schlanken,
sehnigen Rücken, seinen weißen Hintern. Dann erhob er sich,
schob das schwarze Netz beiseite, das ihr Bett umgab. Kristalle klirrten,
die aufgenähten Rosen auf dem Tüll zitterten aufgeregt. Aber
er ging nicht fort.
Sie hatte das einen Moment vermutet, aber er ging nur zu seinen Sachen,
holte aus seiner Jacke eine Zigarillodose. Sie war hellbraun, ein Panther
saß darauf, der von einem Ast herab seine Umgebung belauerte. Diese
Dose hielt er in der Hand, während er sich in ungenierter Nacktheit
wieder neben sie legte.
"Du willst also, dass ich dir etwas von mir gebe? Dass ich dir mehr
als den kleinen Finger reiche?"
Manchmal, und diese Augenblicke waren selten, verstanden Männer
genau, was sie wollte, dachte Lena und lächelte ihn an. "Ja,
genau das..."
Sein Blick war tief und schwer zu deuten, den er ihr zuwarf, während
er ihr das Kästchen gab.
Es war mit Watte ausgelegt und darin lag ein braunes Etwas, das wie getrocknete
Katzenexkremente aussah.
Sie starrte in die Dose, starrte dieses unappetitliche Ding an und dann
wieder ihn.
"Nun, ich geb dir meinen Ringfinger. Das müsste doch alle deine
Träume übertreffen."
Cried like a banshee in heat ... Diese Textzeile fiel ihm ein, während
sie anfing zu kreischen und ihn zu beschimpfen, auf ihn einschlug und
ihn trat (während der mumifizierte Finger zwischen ihren Kissen verschwand)
und ihn aus ihrem Bett, aus ihrem Zimmer, aus ihrem Leben warf.
Am Ende hatte er den Finger wieder, als er angekleidet in der Tür
stand, und sie war ganz ruhig.
Eiskalt, wie es nur eine Frau sein konnte, die man gerade gewaltig vorgeführt
hatte.
Er lächelte, als er ging.
Gipsy-Spezial, sagte Kid dazu.
Zum in die Fresse schlagen, meinte Friedel.
Guck nicht so kalt, sagte sein Vater.
"Du bist pervers, Gipsy. Du bist ... so was von pervers."
An den Anfang --- zurück
--- weiter ----Das Ende
|
 |