AZ 20050331. Bender, BS 10/31

7. März

Es ist Friedels Verdienst, dass ich die Nacht mit Kid verbracht habe.

Es fing mit der Reise nach Köln an - ins Tonstudio.
Es war beeindruckend. Ganz anders, tausend Mal professioneller als das Studio, in dem wir unsere DemoCD aufgenommen haben. Dafür auch bestimmt hundert Mal so teuer.
Macht aber nichts, denn El-Rec zahlt die Rechnung. Fürs Studio und fürs Hotel.
Es ist nicht das Holiday-Inn oder das Marriot, aber es ist ein richtiges Hotel. Wir haben Chipkarten für die Türen und den Aufzug bekommen. Die Zimmer sind im zweiten Stock, sie sind nicht riesig, aber sie haben alle ein Badezimmer, eine Minibar und einen Fernseher, auf dem man gegen Gebühren Pornos gucken kann.
Friedel und ich haben ein Doppelzimmer, nebenan, direkt neben dem Fahrstuhl, ist Marteen untergebracht und gegenüber wohnt Kid.
Jedenfalls war das der Plan.
Und ich fand ihn gut.

Alle anderen Pläne, die das Ausgehen in Köln betroffen hatten, hatten sich schon zerschlagen. So wie ich es war. Zerschlagen. Den ganzen Tag hatten wir hochkonzentriert zusammen gesessen, morgens Besprechungen und ab mittags dann erste Einspielungen.
Der Terminplan ist sehr eng. Aber so wie Daniel alles geplant hat, muss das sein. Wir können die Szene im Sturm nehmen. Alles ist aufeinander abgestimmt. Aber selbst die Aussicht auf Tausende von professionell gebrannten CDs, auf Konzertgigs, sogar auf ... Fernsehauftritte kann die Müdigkeit nicht aus meinen Knochen vertreiben.

Morgen werde ich Muskelkater auf den Stimmbändern haben und einen Zwerchfellkrampf.

Ich liege mit der Nase in das komische Kissen gedrückt in meinem Bett und frage mich, warum ich trotz allem nicht schlafen kann. Nach einem Moment fällt mir auf, dass es daran liegt, dass Friedel in seinem Bett rotiert wie ein Spanferkel am Mittelaltergrill.

Mühsam hebe ich den Kopf und drehe mich zu ihm, und nachdem ich mir die Haare aus dem Gesicht gestrichen habe, sehe ich ihn sogar. Er sieht zu mir hin.

Irgendwas ist.
"Was?"
"Gipsy ... ich ... Corinna ist hier."

Diese Information, so schlicht sie ist, windet sich langsam wie ein chinesischer Neujahrszug durch meine Hirnwindungen. Dann erreicht der Lampion der Erkenntnis meine Denkzentrale und Unglauben macht sich breit. "Corinna. Hier? Was in Drei Teufels Namen soll denn das?"

Friedel duckt sich etwas, sieht mich aber immer noch tapfer an. "Naja, wir wollten nicht für die ganze Woche getrennt sein. Ich dachte, ich hätte ein Einzelzimmer und da könnte sie dann... weil doch die Rezeption nur bis 23 Uhr besetzt ist, reinschlüpfen...."

Meine Nase bohrt sich zurück ins Kissen. "Friedel...", stöhne ich und es klingt gedämpft. "Warum", um der dramatischen Betonung wegen stemme ich mich wieder hoch, "hast du dann nichts gesagt, als ich vorgeschlagen habe, dass wir ein Doppelzimmer nehmen?"

Friedels treue, braune Augen betteln mich an, die Situation für ihn zu richten. "Als du das so gesagt hast, hätte es doch komisch gewirkt, wenn ich was gesagt hätte. Und nachdem Marteen auch blöd gewitzelt hat, da ..."

Natürlich. Wann hätte Friedel mir je widersprochen? In seiner Treue, seiner nachgiebigen Art, in seinem unverbrüchlichen Willen, mich zu unterstützen würde ihm so etwas nie in den Sinn kommen - statt dessen grübelt er nun schon seit dem Einchecken heute Morgen darüber nach, wie er das Problem lösen kann.

"Sie ist unten. Ich könnte sie holen..." Ganz leise spricht er. "Du könntest vielleicht zu Marteen gehen ... oder so."

Oder so ist Kid.
Mit einem Mal denkt mein Körper ganz merkwürdige Sachen.

Bevor mein Kopf noch mitbekommt was ich tue, bin ich aufgestanden, stehe in Shorts und T-Shirt ("Sonne macht albern" steht darauf) neben dem Bett. "Ich gehe. Aber sorg dafür, dass das morgen früh nicht auffällt."

Erst als ich auf dem Gang stehe, immer noch in Shorts und Shirt, stelle ich fest, dass ich die Chipkarte nicht habe, dass ich nicht mal Schuhe anhab. Wenn jetzt jemand rauskommt - und mit "jemand" meine ich unwillkürlich Marteen - dann ist das Gespött groß.

So klopfe ich hektisch an Kids Tür. Hoffentlich ist das auch Kids Tür. Ich stelle mir vor, es wäre eine Fremde dahinter. Au Mann. Und ich sehe aus! Die Haare hängen herunter, frisch gewaschen und ungestylt, kein bisschen Kajal - außer den Resten vom Tag und ...
Und von drinnen höre ich Kids Stimme. "Was?"
"Ich bin's, mach auf."
Ich rechne fast damit, dass eine patzige Antwort von wegen: wenn du es bist, gerade nicht - aber es dauert kein halbe Minute, dann öffnet sich die Tür.
Kid trägt nichts anderes als ich, nur steht auf ihrem dunkelgrünen Shirt "Legolas ist schwul". Und überhaupt steht ihr das besser, die nackten Beine, das wirre Haar.
Ich muss nicht auf dem Gang erklären, warum ich komme, sondern darf hereinkommen, während Kid zurück ins Bett gleitet und die Decke über ihre Beine zieht.

Ihre Reaktion ist so ähnlich wie meine. "Friedel", stöhnt sie, dann sieht sie zu mir hoch.
Es ist dunkel im Zimmer, nur durch die Vorhänge kommt ein wenig Licht herein. Ihre Augen sind nur dunkle Flecken in ihrem Gesicht. Dennoch kann ich den Blick spüren. Ich weiß nicht, was sie sieht. Ich weiß nie, was Kid sieht, wenn sie mich ansieht. Ob sie mich sieht? Als was sie mich sieht?
Jetzt möchte ich gerne, dass sie jemanden sieht, der neben ihr in dieses Französische Bett darf. Ich bekomme nämlich kalte Füße hier draußen.

Aber sie schweigt.

"Kid, ich schwöre dir, ich tue was immer du willst, wenn du mich nicht zwingst, bei Marteen um Asyl zu bitten..."

Endlich regt sie sich und rutscht, sortiert dieses dünne Federbett und die Polyacryldecke mit dem Laken drüber auseinander. Sie selbst wickelt sich in das Federbett und so bleibt es mir, mich unter das Laken zu verkriechen und zu hoffen, dass die Heizung über Nacht nicht ausgeschaltet wird.

Sie liegt mit dem Gesicht zu mir, und jetzt kann ich inzwischen mehr in ihrem Gesicht erkennen. Die Augen sind offen und unverwandt sieht sie mich an.
"Nah?", meine ich.
"Schlaf jetzt - und bleib auf deiner Seite!"
"Danke, ich dich auch", brumme ich. Das ist ja mal ermutigend. Aber vermutlich ist es genau ermutigend, wie es sein soll.
"Ich tu das für Friedel", stellt sie klar, aber sie spricht sehr leise.

Die Stille senkt sich auf uns herab. Ich stelle mir vor, dass die Stille eine große Negativform ist, die unsere Körper formt aus der Dunkelheit. Es ist ein Bild, das in kein Lied passen wird, aber es kommt ungerufen. Wir sind definiert durch das, was wir nicht sagen. Das Schweigen ist unsere Grenze.

Meine Hand liegt zwischen unseren beiden Körpern, meine Rechte. Ich trage nicht einmal meine Ringe. Kids kleine Hand liegt daneben. Ganz dicht beieinander hat die Stille uns ausgestanzt. Ganz dicht und doch so fern. Dann bewegt sich Kid, tippt mit dem Finger in den Zwischenraum zwischen Kleinem- und Mittelfinger. Nur so, eine winzige Geste. Über Tag trage ich oft das Protesending, das es mir ermöglicht, die Flöte so gut zu spielen, wie es für die Gruppe nötig ist. Aber nicht so gut, dass es fürs Konservatorium reichen würde.
Aber jetzt nicht. Jetzt kann Kid dorthin tippen und berührt doch nur das Bettlaken.

"Du bist ein sturer Hund, Gipsy."

Mir fällt einfach nichts ein, was ich darauf sagen kann. Ich meine, ich bilde mir ein, die Wärme von Kids Hand neben meiner zu spüren. Aber mit fällt nichts ein, was ich sagen kann, sie hat ja recht.

Als ich erwache sehe ich auf Kids Kopf. Ich sehe wirres, rotes Kupferhaar und daneben die weiße Schulter. Die perfekte, zarte Linie des Schlüsselbeins, diese Kuhle, in der sich nun geheimnisvolle Schatten sammeln.

Und ich spüre Kids Finger. Sie haben sich um meine Hand geschlungen und halten sie fest. So fest, dass ich später die Abdrücke ihrer kurzen Nägel meiner Handfläche finden werde.. Im Wachzustand hat sie sich immer gefürchtet, mich zu berühren. Im Schlaf schien sie Angst gehabt zu haben, mich loszulassen.

So habe ich die Nacht mit Kid verbracht, und es war Friedels Verdienst. Ich werde es ihm nie vergessen.

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