AZ 20050331. Bender, BS 23/31

20. März

Es ist durchgesickert.
Kaum, dass ich ins Empire komme, schon in der Berggasse davor, werde ich angesprochen, schlagen mir Hände ins Kreuz.
Der Tenor ist eindeutig euphorisch. Hier ist keiner neidisch, wir hängen seit so vielen Jahren zusammen und Neid ist auch eindeutig zu oberflächlich für uns. Stillos. Und Stil soll es haben. Mit meinem Stil, meinem Styling habe ich mir heute Abend besonders viel Mühe gegeben. Nochmals möchte ich nicht den Eindruck erwecken, ich sei noch zu klein um Weinbrandbohnen zu essen.

Zwar ist es immer eine kleine Überwindung, die Haare unter der Kappe zu verbergen, aber die anderen wissen ja, dass sie da sind und das reicht dann für heute Abend auch.
Habe ich mir gerade Gedanken über Oberflächlichkeit gemacht?

Marteen ist schon unten, steht am Rand der Tanzfläche 1 und hat eine Gruppe Bewunderer um sich geschart. Er sieht mich, wie ich die Treppe hinuntersteige, aber er grüßt nicht. Das würde die Aufmerksamkeit auf mich lenken - und ihn seines Groupies berauben. Jedenfalls weiß ich jetzt, woher das Volk von den Plattenaufnahmen weiß.

Nun, Erfolg ist nicht alles und vergänglich, aber daran denke ich morgen wieder, wenn ich meiner zeternden Mutter gegenübersitze. Nicht jetzt, da Freunde und Bekannte auf mich zustürmen, mich umarmen, herzen, beglückwünschen, da mir Getränke in die Hand gedrückt werden, Versprechungen gemacht werden, die erste CD zu kaufen und Bitten nach Widmungen auf mich einstürmen.

Ich vergesse meine Mutter, auf deren vergreistem Gesicht der Vorwurf vollkommene Linien gefunden hat in jeder Falte, um mir die Lieblosigkeit ins Stammbuch zu schreiben. Ich vergesse, wie sie mich mit Fakten über die Krankheit meines Vaters, über die Kosten meiner Aufzucht, über die Schmerzen der Geburt beworfen hat, wie man weiland Huren mit Steinen beschmissen hat. Ich vergesse es einfach, denn heute Abend ist es einfach zu glauben, dass man alles Richtig gemacht hat.

Lass es nie passieren, dass sie Angst in deinen Augen sehen
Meine Augen, sie sind zu

Ich habe ein Duett für Kid und mich geschrieben und das ist nicht der geringste Grund, warum ich meine eisige Königin gerne sehen würde.

Aber die Königin ist nicht da.
Sie beehrt das Volk noch nicht mit ihrer Gegenwart.

Ich genieße es, früh dazu sein, zu sehen, wie sich der Raum füllt, die Schwingungen in mich aufzunehme, die sich mit jedem neuen Gast ein wenig verändern, ich nehme gerne die Gelegenheit wahr, wenn man die Outfits noch einzeln bewundern kann, und liebe es, wenn jede neue schwarze Schönheit ein neuer schwarzglänzender Faden im Gewebe des Abends für mich wird.
Sie hält es eigentlich immer so, dass sie erst spät auftaucht.
Darin sind wir uns nicht ähnlich.

Als ich im Hades auftauche, meinem - unserem - bevorzugten Floor, winkt mir Dalli, der DJ, über das Mischpult hinweg zu. Er hat ein CD-Case in der Hand, das er wild schwenkt, und auf das er mich mit hektischen Fingerzeigen aufmerksam macht. Die weiteren Gesten, abwechselndes Zeigen von der CD auf mich, lassen mich vermuten, dass er eine CD hat, die Demos enthält.

Woher?

Ich lasse Bettina, Luisa, Celine und Andrea stehen und marschiere zu ihm hin.
"Hey, cool, Mann!", erklärt er mir noch bevor ich den Mund aufgemacht habe. "Die Stücke klingen ja echt so was von geil..."
Die CD, die ich nun genauer sehen kann, sieht sehr unspektakulär aus. Das Case ist einfach aus durchsichtigem Kunststoff, der Rohling nur mit einem einzigen Wort beschriftet: "Marteen".

"Stimmt was nicht, Gipsy?", fragt Dalli, dem wohl nicht entgangen ist, dass meine Gesichtzüge entgleist sind.

"Von Marteen?"
"Ja, klar. Eure neuen Stücke..."

In meinem Inneren staut sich Lava unter dem Eis, so lange unter trügerischer Ruhe weggepackt, bis ich unseren Gitarristen vor mir habe. Ich beachte die Leute nicht, die uns beide umschwärmen wie Motten das Licht.

"Woher ist die CD?", frage ich ihn.
"Hab ich mir von einem der Toningenieure besorgt", antwortet er hochmütig. "Soll ich dir eine Kopie brennen? Hast du keine?"
Ich packe ihn an einer der Fesseln, die von seiner Schulter baumeln und wickele sie mir um die Hand, ziehe ihn an dieser Leine zu mir. "Martin, dir ist klar, dass das Vertragsbruch ist? Dir ist aber klar, dass du damit alles in Gefahr bringst?"
Mir ist es scheißegal, dass wir den anderen eine Show bieten.
Marteen sieht mich ruhig an. "Kleiner Gott", meint er dann. "Daniel weiß es, er hat gesagt es wäre okay. Und jetzt halt die Klappe und geh tanzen."

Jetzt ist es mir doch nicht mehr scheißegal, dass ich den anderen eine Show biete. Ich lasse Marteen los und drehe mich wutkochend um - nur um fast in Lena hinein zu rennen. Exe tauchen irgendwie immer zu unpassenden Gelegenheiten auf.
Sie lacht etwas albern, tut so, als wäre mein Rempler eine besondere Unterart der Gattung "Unsubtile Anmache".
"Gipsy ... Manno, freue ich mich für dich!" Ihre beringten, wohlmanikürten Finger wühlen sich in den Flockati meiner Weste - und ihre dunkelroten, kirschigen Lippen pressen sich auf meine. Ihr weiblich-gerundeter Körper presst sich gegen meinen. Mir ist heiß vor Wut, dennoch spüre ich die Lederkorsage an meiner Brust, die von zwei sehr strammen, sehr runden Brüsten kräftig nach vorn gedrückt wird.

Warum reagiere ich darauf?

Ich weiß es nicht. Ich brauche sogar einen Augenblick, in denen wir in intimster Pose dort im Foyer stehen, bevor ich mir auch nur diese Frage stelle, bevor ich realisiere, was gerade passiert.

Eigentlich bin ich noch bei Marteen und bei Daniel, und bei dem Toningenieur, der vermutlich einer von Kids Lovern war und bei der CD und bei dem Gefühl, betrogen und ausgeschlossen worden zu sein.

Dann aber bemerke ich, was ich tue, oder wonach es zumindest aussieht.

Lena von mir zu schieben und mich verfluchen ist eines.

Aber ich habe nicht lange Zeit zur Selbstkritik .

Eine Gestalt taucht neben mir auf. Vage kommt er mir bekannt vor, ich kann es noch nicht einordnen.
Seine Faust, die auf mein Gesicht zukommt, hilft mir, die Gedankenkette: Eifersucht - Lover - Lena - Konzert zu formen, doch der Aufprall dieser Hand beendet den Geistesblitz auch.
Alles was dann noch blitzt ist eine weiße Explosion vor meinen Augen.
Blendendes Licht.
Dann bunte Lichter, die Lichter der Deko an der Decke - die wie Sterne sich über mir drehen.
Und dann ... Dunkelheit.

Oh. Scheiße.

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