AZ 20050331. Bender, BS 25/31

22. März

Ich habe eine Gehirnerschütterung.
Großartig. Ich hätte auch immer so viele Untersuchungen gebraucht, um zu diesem Schluss zu kommen.
Jemand bekommt einen Schlag an den Kopf, wird bewusstlos, kann danach kaum geradeaus gucken. Er muss kotzen. Er erklärt, er hat Kopfschmerzen, und dass ihm schwindelig ist.

Aber es braucht zwei Tage der Beobachtung, bis ein Arzt im blütenweißen Kittel herangeschwebt kommt und verkündet: "Gehirnerschütterung."

Bei Ärzten von solcher Intelligenz ist es um so mehr ein Wunder, dass mein Vater seinen Infarkt überstanden hat.
Er lag im gleichen Krankenhaus, zwei Stockwerke weiter oben. Wie mir meine Mutter erzählt hat, die täglich kommt. Ich habe ihr gesagt, sie soll es bleiben lassen, aber sie will davon nichts wissen.
Jeden Tag kneift sie mir in die Wange, jammert, dass sie bald hier im Krankenhaus zu Haus wäre, und packt Obst und Joghurts aus.
Als nächstes streicht sie mir über die Wange und meint: "Bube, du bist so blass."

Wenigstens macht sie mir Komplimente. Sie kann nicht begreifen, dass ich blass sein will, dass ich nicht wie die durchgegrillten Salzletten in ihrem Freundeskreis sein will, die in ihrem Wahn nach Fitness und Jugend ihre Haut zu Markte tragen. Mein Begriff von Schönheit ist anders. Für mich ist das Besondere schön. Ich will gar nicht zu Mama Fit-und-Fun-Gesellschaft gehören. Aber ich möchte natürlich auch nicht hier mit fettigen Haaren und dunklem Bluterguss liegen.

Meine Haare sind das nächste Thema. Sie zupft daran herum, seufzt theatralisch und meint dann jedes Mal: "Ach, früher hattest du die Haare immer so schön. Du hast so schönes, volles Haar gehabt immer. Komm, wir lassen sie abschneiden und dann lässt du dir wieder eine schöne Frisur wachsen."

Ich glaube, wenn der Arzt, der ebenfalls jeden Tag kommt und nach mir sieht, wüsste, wie sehr mich die Besuche meiner Mutter mitnehmen, würde er sie ihr verbieten.
Dr. Behrmann steht auf seinem Schild. Aber er hat mir schon verraten, dass er Marcel heißt und angedeutet, dass er auch gepierct ist, nachdem er meine durchstochene Brustwarze gesehen hat. Ich denke, er will mich anmachen.
Dabei ist er nicht mein Typ. Ich mag Olli, in seiner exaltierten, punkigen Art, zumal er gut küsst, aber Marcel ist wirklich absolut reizlos. Er ist breitschultrig, weil er, wie er ebenfalls fallen gelassen hat, ins Studio geht. Er ist braungebrannt. Er sagt, vom Urlaub auf Bali, aber ich wette, er hat am Arsch diesen weißen Fleck, den man beim Solarium bekommt. Er hat die Haare extrem kurz und irgendwie kantig - wie halt die Uniform der erfolgreichen Schwulen zur Zeit ist. Er ist ein Poser.

Poser kann ich nicht leiden.

Gerne hätte ich es, wenn Kid käme. Aber sie war noch nicht hier. Friedel auch nicht.

Mein Leben wartet dort draußen und hier drinnen gibt es Joghurt und Apfelstücke.
Ich weiß nicht, was mit Lena und ihrem Stecher geworden ist, warum meine Leute mich nicht besuchen kommen oder wie die Sache mit der CD ausgegangen ist - aber ich weiß, es wird etwas passieren.

Ich ziehe die Decke etwas höher und sehe hinaus, tief in den apokalyptischen Himmel.
Ein Sturm wird kommen.
Dieser Monat ist noch nicht zu Ende.

Etwas wird passiert. Und ich bin nicht dabei. Ich liege in einem weißen Kittel im Bett und habe das Gefühl, dass ich durch das Sprossenfenster direkt in den Himmel sehen kann. Der Himmel hat einen Riss, hinter dem ich die Sterne sehen kann, die sich ohrenzerreißend schnell bewegen, während die Erde durchs All taumelt, einem neuen Ende zu.

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