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AZ 20050331. Bender, BS 28/31
27. März
Das Hotel liegt etwas außerhalb, aber das macht nichts, das Festival-Gelände
auch. Man kann dorthin laufen. Und Kid hat nach den Tagen des Schweigens
eingewilligt, mich zu begleiten.
Lange gehen wir ohne ein Wort. Im Gegensatz zu früher habe ich keinen
blassen Schimmer, was Kid jetzt denkt. Aber wie ein dunkles Samenkorn
beginnt ein Gedanken in mir zu keimen: vielleicht habe ich es auch nie
gewusst. Wie die Wurzeln der Platanen vor unserem Haus den Asphalt sprengen,
so sprengen die bleichen Wurzelfäden dieses Zweifels mein Ego.
Am Ende sind wir alle allein - vielleicht sind wir es aber auch die ganze
Zeit.
Ich fühle mich einsam, mit jeder Stunde, in der sich Friedel trotz
SMSen, Mailbox und allem nicht meldet, fühle ich mich einsamer. Diese
Tage hier sollten doch unser Triumph sein. Aber jetzt sind sie wie Asche.
Asche auf meiner Zunge, in meinem Kopf. Ich kann nur noch Asche denken.
Der Hangar, zu dem wir wollen, liegt oben auf einem Hügel. Vermutlich
ist das Gebäude mit irgendeinem grauen Blech verkleidet, aber für
diesen Moment, als Kid und ich es erblicken, scheint es ein Schloss aus
einem Märchentraum zu sein.
Als wir näher kommen, bietet sich uns ein ungeheures Schauspiel:
die Sonne geht unter und übergießt das Haus mit Gold. Erst
nur die etwas zurückspringende, oberste Etage, während der Rest
der Fassade rosig überhaucht ist.
Dann fließt das Gold über die Kante nach unten, erstrahlt auf
jeder Glasfläche, auf jedem Millimeter, der reflektiert. Vor dem
grauen Abendhimmel dahinter strahlt der ganze Hangar als sähen wir
Elysium vor uns. Rotweiße Fahnen wehen im Wind, umrahmen das vollkommene
Bild.
Ich will gerne glauben, dass wir eine Vision unserer Zukunft sehen. Dass
wir diesen Moment wieder und wieder erleben können, wenn das Herz
aufgeht und Traum und Realität sich berühren.
Ich sehe zu Kid hin, die an meiner Seite stehen geblieben ist. Das goldene
Licht schimmert auch auf ihrem Gesicht, in ihren Haaren, die wie Kupfer
glänzen in diesem Moment, nur gerade von einem Schal zurück
gebunden.
Oh, schönste aller Frauen ...
Sie lächelt zu mir hin und es scheint, als würde das Licht
einmal die Tiefe ihrer Augen erreichen: sie sind jetzt goldbraun - keine
schwarzen Bronen des Schmerzes mehr, sondern dunkelgoldene Sterne.
Und schon wieder kann ich kein Wort sagen, denke jetzt in Gold.
"Gehen wir weiter?", fragt sie leise und ich schüttele
den Kopf.
"Nein, wir wissen jetzt wo wir hin wollen", antworte ich und
werde mir der Zweideutigkeit meiner Worte erst einen Augenblick später
bewusst, als Kid mich fragt: "Ist das so?"
Ich nickte nur, weil ich meiner Stimme nicht traue.
"Dann vergiss es nicht wieder", mahnt sie mich, nun selbst
die Gesetze brechend, denen wir einst geschworen haben. "Du hast
nicht mehr so viele Leute, die du vor den Kopf stoßen kannst."
"Meinst du, Friedel meldet sich? Hat er mit dir geredet?"
Sie überlegt einen Moment, überdenkt wohl, wie viel und was
sie mir sagen kann: "Wir haben geredet. Er hat Rat gewollt, aber
ich konnte ihm keinen geben. Ich hab ihm nur gesagt, er soll tun, was
er meint, tun zu müssen. Er hat eine ganze Menge eingesteckt die
letzte Zeit."
"Das hab ich nicht gemerkt ..."
"Das ist ein Teil des Problems." Das kommt sehr sachlich.
"Warum hast du ihm nicht gesagt, Kid, dass er mit mir reden soll.
Ich konnte es doch erklären!"
Sie legt den Kopf schräg und langsam erlischt das Licht in ihren
Augen, als die Sonne hinter den Horizont rollt.
"Gipsy, meinst du, ich sage ihm so was, nachdem du mit Lena rumgeknutscht
hast?" Sie klingt so trocken, dass man beim Klang ihrer Stimme verdursten
kann, so wenig Trost ist darin.
Au Himmel! "Kid, ich hab nicht mit Lena rumgeknutscht. Sie hat mich
geküsst!"
"Ach, und wo ist der Unterschied zwischen küssen und knutschen?"
"Sie hat ..." Au, klingt das selbst in meinen Ohren hohl. Sie
hat angefangen und ich konnte mich nicht dagegen wehren ... ich bin wirklich
ein Held. "Sie hat .... Okay, ich hab Scheiße gebaut, aber
ich hab nicht mitgemacht. Ich hab einen Moment gebraucht, aber ich hab
nicht mitgemacht!"
Ich merke, dass ich wütend werde. Man hätte mir wirklich mal
eine Chance geben können.
"Und ich habe tagelang im Krankenhaus gelegen und niemand hat es
für nötig gehalten, mal nach mir zu sehen!"
Kid sieht zum Haus auf dem Hügel hin, das langsam in die Wirklichkeit
zurücksinkt.
"Wir waren sauer auf dich, Gipsy...", erklärt sie, ohne
mich anzusehen.
Wenn ich etwas gemerkt habe, dann das. "Ich weiß, aber ich
lag immerhin im Krankenhaus. Daniel ist gekommen ..."
Bitterkeit ist ein schlechter Dünger, er lässt Worte sprießen,
die ich nicht wirklich sagen will, die nach beleidigtem Kind klingen,
das denen, die es verletzt haben, noch mal eins auswischen will.
"Daniel...", meint Kid. "Daniel ist eine ganz andere Nummer."
Oh, eine ganz andere Nummer... "Oh, eine GANZ ANDERE NUMMER!"
Kid und Daniel. Meine eisige Königin unter diesem schwitzenden Koloss.
Und mich besucht sie nicht einmal. "Eine ganz ..." Vor Wut kann
ich nicht mehr weiter.
"Ist was?", faucht sie zurück. "Hast du was zu vermelden?"
"Was ist das für eine Nummer mit dir und Daniel?"
"Das geht dich nichts an!"
Inzwischen ist die Sonne fort. Aber der Himmel ist immer noch hell, sonderbarer
Weise wirkt er grün. Von diesem Himmel hebt sich Kids Haar leuchtend
ab.
"Oh, doch, Kid, das geht mich was an", gebe ich zurück.
"Ich bin verrückt nach dir. Seit ich dich kenne. Und vielleicht
hab ich wirklich Scheiße gemacht, aber bei dir nicht. Ich habe dich
immer geachtet. Ich habe nie etwas von dir gefordert und mich immer hinhalten
lassen. Du kannst poppen, mit wem du willst. Aber du kannst mir nicht
das Recht absprechen, dass mich das was angeht."
Ihre kleinen Hände haben sich zu Fäusten geballt. Sie blitzt
mich an - aber sagen kann sich nichts dagegen.
"Ich muss mir was überlegen, wegen Friedel. Aber du, Rebecca,
du solltest dir auch mal über ein paar Sachen klar werden - auch
über die Nummer mit Daniel, oder mit dem Toningenieur oder ... mit
wem auch immer."
"Mit dir und mir?", fragt sie nach einem Moment leise nach.
"Ja, auch mit dir und mir."
Wir stehen uns noch einen Moment gegenüber, während die Dämmerung
von Westen her mit dunklen Bannern aufmarschiert.
"Komm, gehen wir zurück...", schlage ich schließlich
vor und reiche ihr die Hand.
"Zusammen?", fragt sie leise, sieht meine Hand an.
"Nun sei nicht theatralisch", grinse ich und greife mir einfach
ihre Hand. "Natürlich zusammen."
Und gemeinsam marschieren wir zurück. Wir wissen vielleicht wirklich,
wo wir hin wollen.
An den Anfang --- zurück
--- weiter ----Das Ende
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