AZ 20050331.Bender

Die Stille im Raum war profund.
Dumpf hallte sie von den massiven, dicken Betonwänden des Bunkers wieder.

Erst als Gipsy sich langsam in Bewegung setzte, hin zu einem der Tische am Rand, wurde sie von dem leisen Klingeln der Kette an seinem Gürtel unterbrochen. Theoretisch.

Denn für den jungen Mann war es weder still, noch hörte er das Klingeln. Er hörte nur die Worte, die Friedel gesprochen hatte. Immer und immer wieder echoten sie durch seinen Kopf, ließen keinen Platz für einen anderen Laut.
Mechanisch drehte er sich und setzte er sich auf eine der Tischplatten, die Beine angezogen, die Arme darum geschlungen.

Die Stille, die er wahrnahm, die lärmende Stille in seinem Kopf brachte ihn zurück zu einem Moment, der fast vier Wochen zurück lag.
Aber dieses Mal war kein Triumphgefühl da, dieses Mal war nur Leere in ihm.

Es dauerte lange, bis diese Leere begann sich mit Gedanken zu füllen.

Sie marschierten in der altvertrauten Marschordnung auf.
Erst die Reime, wo sich die Gefühle, die sich so unerwartete aufgetan hatten, in Liedzeilen verwandelten. Und mit dieser stilistischen Überhöhung schon so gut wie erledigt waren.
Dann das Selbstmitleid, das die Elegie der einsamen Jugend sang.

Es wäre sehr mühsam, all diese vertrauten Muster zu durchbrechen und neue Wege zu denken.
Eine Leistung.

Die Türe öffnete sich. Es war Zufall oder geschäftliches Gespür, dass Daniel seinen Weg in die Provinz, in den Bunker gefunden hatte. Aber als er den Sänger seiner neuen, aufstrebenden Combo zusammen gesunken auf einem schmierigen Tisch kauern sah, erschien es dem alerten Agenten wie eine sehr gute Idee, die er da gehabt hatte. Noch mehr, es erschien ihm wie ein Wink des Schicksals, als er Gipsy sagen hörte: "Ich denke, wir haben ein Problem, Daniel. Wir haben keinen Keyboarder mehr."

Daniel sah Gipsy etwas belämmert an, bevor sein bewegliches Organisationstalent sich regte. Er sammelte die Fakten, während er schon an einem Plan B arbeitete.

"Was hat denn der Junge?"

Gipsy musterte den massigen Mann, er antwortete zögerlich, nachdem er sich die Strähnen aus der Stirn gestrichen hatte. "Er hat bemerkt, dass wir die Tonspur ausgetauscht haben."

Daniel explodierte. "Und wegen diesem Scheiß schmeißt er die Brocken? Was ist denn das für ein Freund, der so empfindlich ist? Und zur Selbstkritik ist er ja wohl auch nicht fähig...."

Einen Moment brauchte es, bevor Gipsy entgegnete: "Friedel ist raus, weil ich ihn hintergangen habe." Er sprach es nicht gerne aus, aber vorerst fand er keine Möglichkeit, sich die Tatsachen zurecht zu biegen.

Mit einem Grunzen stemmte Daniel die Fäuste in die Hüften, kam dann dichter heran an den Jungen. Beinahe reflexmäßig schob er einige leere Red Bull Dosen mit dem Fuß beiseite, die unter dem Tisch hervorgerollt waren. "Du hast ja feine Freunde, Gipsy. Ehrlich. Du bist ihm doch nicht in den Rücken gefallen. Ich war dabei. Du wolltest ihn doch sogar für den Job haben, obwohl er eine Niete ist. Du hast dich für ihn eingesetzt, obwohl es euren Erfolg gefährdet hat. Und dann bist du total diskret gewesen und hättest ihm sogar die Lorbeeren für die Background Vocals überlassen - und jetzt kommt er dir so. Dabei hast du ihn nur schützen wollen...."

Wieder öffnete sich die Tür.

Marteen kam herein, die Gitarre über der Schulter in ihrem Tragesack. Er erfasste das Bild mit einem Blick. Und auch wenn er nicht wusste, wieso Daniel da war, so wusste er doch, was passiert war, denn Friedel hatte die anderen Mitglieder der Band nicht im Unklaren gelassen - und gebeten etwas später zu kommen.
Still stellte der Blonde seine Gitarre in eine Ecke und griff dann wieder nach der Klinke. "Ich rauch noch schnell eine ...."

Gipsy sah Marteen nach, starrte auf die Eisentür, die sich hinter dem alten Mann der Band schloss. Wer würde jetzt schlichten, wenn sie beide aneinander gerieten? Jetzt?
Wer würde ihm jetzt die Hand auf die Schulter legen, wenn er vergaß, das Hirn anzuschalten vor dem Aktivieren der Sprachausgabe?

"Ich denke, unsere größte Sorge ist jetzt der Auftritt. Alles andere ist ja geregelt." Daniel fasste Gipsy ans Bein, um sich dessen Aufmerksamkeit zu versichern. "Aber ich glaube, Kleiner, dafür habe ich die Ideale Lösung."

Blinzelnd sah Gipsy zu diesem Mentor hin, der gerade daran ging, sein Leben neu zu ordnen und die Verantwortung für seine Traumkarriere übernahm. "Ich weiß nicht...", murmelte er tonlos.

"Ich habe einen alten Kumpel, Thilo, kein Ungekannter in der Szene, der sicher einer der besten Keyboarder ist. Er kommt auch zum Festival - und er schuldet mir was. Verstehst du, was ich sagen will?", grinste Daniel siegesgewiss.

Damit gewann er Gipsys Aufmerksamkeit: "DER Thilo?", fragte er.

Daniel nickte zufrieden. "Genau der. Ich sage doch, dass ich die besten Kontakte in die Szene habe. Und mit diesem Coup wird euer Debüt noch mehr einschlagen. Wie eine Bombe sage ich dir. Die Stücke hat er schnell drauf, ihr müsst halt sofort zum Festival. Dann könnt ihr dort gleich üben. Ich besorge euch Hotels. Thilo ist schon da, sonst sorge ich dafür, dass er es spätestens übermorgen ist. Gib mir die Noten, dann kriegt er die schon von mir."
Immer noch war der Gesichtsausdruck des jüngeren starr.
"Keine Panik, wir kriegen das hin!", beschwor Daniel ihn daher - und schließlich nickte Gipsy. "Es ist nur die Sache ... ich weiß nicht, was mit den anderen ist", meinte er dann. "Okay, Marteen wird mitmachen, da habe ich gar keine Sorge. Aber bei Kid weiß ich es nicht, es könnte sein dass sie auf Friedels Seite ist."

Ein Klaps landete auf Gipsys Schulter, als sich Daniel schließlich ganz zu ihm gestellt hatte. "Ich hab die Klein gerade gesehen, bevor ich hier hereingekommen bin. Sie wollte zur Probe, aber sie meinte, sie müsste noch etwas warten, dass du und Friedel noch was bereden würden. Die ist dabei. Wir kennen unser Mädchen doch. Die will auch nach oben. Die lässt sich nicht von ihrem Ziel abbringen, die ist echt hart vorm Knie. Notfalls ... setze ich bei ihr meine ganz persönlichen Überzeugungskünste ein."
Gipsy reagierte nicht.
"Du weißt, was du zu tun hast?", fragte der Daniel noch einmal nach - und noch einmal nickte Gipsy.

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