AZ 20050331. Bender, BS 11/31

8. März

Mein Kopf will zerplatzen. Er ist nicht groß genug für all die Worte, die über mich hinweg fegen.
Daniels Mund entströmen sie mit dem Charme eines Sandstrahls.
Oder sie kommen von Marteen und erinnern mich dann eher an die flatternden Bänder eines Fliegenfängers.

Ich habe acht Stunden gesungen. Jede Phrase, jede Zeile hundert Mal, will mir scheinen. Am Ende war meine Stimme so präzise, dass ich die Moleküle eine Atom damit hätte spalten können. Die Lieder, die ich heute eingesungen habe, kann man nicht besser singen.

Aber als ich den letzten Ton nicht mehr sehe, als diese unglaubliche Energie meinen Körper verlässt, als ich mich langsam wieder von Vibrationen in Fleisch verwandle, spüre ich auch hinter den Schläfen diesen vertrauten Druck. Da braut sich eine gewaltige Migräne zusammen.

Der Raum, der solange ich singen konnte, wie der unendliche Kosmos erschien, drückt näher auf mich zu, umschießt mich, presst mir die Luft aus den Lungen direkt in die Augäpfel, die ob des Druckes platzen möchten.

Für den Moment bin ich amüsiert, stelle mir vor, wie von der Decke und den Wänden der Glibber aus meinen Augäpfeln tropft. Aber der Moment verstreicht, denn die Augen platzen nicht, und der Druck bleibt. Ich reiße mir fahrig den Kopfhöhrer von den Ohren, dessen weichgepolsterter Druck mich umzubringen droht.

"Du hast nichts getrunken", meint Kid, die plötzlich neben mir ist. Drei Teufel, was können Schallwellen weh tun.
"Doch - aber nicht genug...", antworte ich und lasse mich von ihr mitziehen, hin zur Tür.
Dort gibt es etwas Sauerstoff, der einer kühlen Hand gleich über mein wundes Gemüt streicht.

Aber ich darf nicht gehen. Eine andere Hand ist das dann an meinem Oberarm und schließlich sitze ich auf einem Kunstledersessel von postmoderner Häßlichkeit, dessen Material sich schmatzend an meiner Hose festsaugt.
"Wer säuft kann auch arbeiten am nächsten Tag", witzelt Daniel und schieb einige Blätter auf dem niedrigen Tisch vor mir herum.
Kid drückt mir eine Miniflasche Cola in die Hand und hockt sich dann auf die Lehne neben mir - ohne mich zu berühren. "So ein Blödsinn", meint sie dann trocken. "Nur weil einer vögelt, kann er am nächsten Tag ja auch nicht fliegen."
Das Lachen tötet Hirnzellen, aber Daniels blödes Gesicht ist das vielleicht sogar wert. Meine Wahrnehmung der Welt hat sich verändert. Alles scheint sehr fern zu sein, ich stehe vor einer Tür, hinter der das Leben stattfindet und kann es nur durch den Spion beobachten. Und genauso verzerrt ist auch das Bild das ich wahrnehme.

"Geht es dir nicht gut?", fragt Friedel.
"Er hat Migräne", antwortet Kid, die in meiner Wahrnehmung plötzlich einen Löwenschwanz hat, der um ihre Flanken peitscht, während sie mich verteidigt.
"Ich kann das Gespräch auch führen", meint Marteen hilfreich und das gibt den Ausschlag dafür, dass ich nun hier sitze und versuche einen Sinn in die Worte, die man mir vorlegt, zu dichten.

Die Frage lautet: "Warum ‚Blood and Violin'?" und kommt von Daniel. Mein Hirn und die Wirklichkeit sind nicht synchron geschaltet. Ich weiß nur noch nicht, wer wem voraus ist. Jedenfalls überlege ich erst, warum er die Frage stellt, bevor mir einfällt, dass ich sie auch beantworten muss.

"Ist so", ist sicher keine brillante Entgegnung und bietet eine Vielzahl von Angriffspunkten.
"Nun, es ist nicht sehr griffig", meint Daniel und Marteen schießt den nächsten Beitrag in einem Tonfall bei, der so gleich dem des Agenten ist, dass ich einen Moment brauche, bis ich erkenne, wer spricht: "Es fasst auch nicht die Substanz der Band schlüssig zusammen."

Irren sich meine müden Augen oder wirft Marteen dabei einen Blick zu Kid, der mir nicht gefällt?
Daniel jedenfalls sieht zu Kid hin und lächelt. "Wobei ich natürlich finde, dass die Violine immer eine Erwähnung wert ist."

Soviel Eingabe und ich habe noch nicht mal die erste Frage beantwortet.

"Ich habe jedenfalls ein paar Vorschläge mal zusammen getragen und ausgearbeitet", bohrt sich Daniels Stimme dann direkt wieder in meinen Versuch zu denken.

In mein Blickfeld gerät ein Stapel Papier. Darauf sind Logos und Schriftzüge. Sie weisen all die Attribute der Szene auf: 10% sind völlig unleserlich, 70% verwenden einen (leserlichen) gotischen Schriftfond. Bei 30% umgeben Flammen die Schrift, es gibt 5 Totenköpfe, 7 Rosen und mehr Stacheln als ich zählen möchte.

"Blood and Violin", antworte ich nur und schiebe den Designkrampf von mir, zurück zu Daniel. Mein Mangel an Koordination wirkt dabei energisch, das Tonlose in meiner Stimme endgültig.

"Aber ...warum?", fragt Daniel nochmals. Man hört, dass sein Widerstand schon gebrochen ist. Jetzt wäre eine coole Antwort phantastisch, aber zwischen meinen Ohren echot nur die Stimme von Capt'n Jack, der fragt: "Why is the rum gone?"

Die Stille, die sich dann ausbreitet, die nur durchbrochen wird von den Blicken, die mir zugeworfen werden, unterhöhlt meine Position.

Aber ich bin Texter, ich kann dramatisch-poetisch auch, wenn die Cola gerade in meiner Speiseröhre wieder aufsteigt und nach diesem Ausspruch das Meeting beendet: "Mein Auge sagt, wenn es geschrieben ist, sieht es gut aus so wie es ist, auch wenn es bitter schmeckt. Und mein Herz sagt das selbe."

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