AZ 20050331. Bender, BS12/31

9. März

Der Tag danach ist wie diese Tage immer sind.
Die Welt hat mich wieder, aber sie und mich trennt ein Schleier. Irgendwas ist da noch, wie die Erinnerung an den Schmerz, wie ein Tier, das im Dunkeln lauert und hervor kommen könnte, um den Schmerz zurückzubringen.
Aber es geht.

Daniel überrascht mich. Er zieht die Aufnahmen der anderen vor, so dass wir zwei nebeneinander hinter der Glasscheibe sitzen und sie beobachten. Manchmal reden wir dabei. Auf fachlicher Ebene kommen wir gut miteinander aus.
Er versteht etwas von Musik.
Er redet viel, wenn man ihm zuhört, und so habe ich ein paar Dinge erfahren, die ich wohl eigentlich nicht wissen sollte. Ich weiß jetzt, dass dieses Projekt mit uns eine Solonummer von ihm ist, weil er was auszubügeln hat bei El-Rec. Er hat da wohl ziemliche Scheiße gebaut und will seine Chefs nun mit einer heißen Alternative wieder versöhnen.
Das ist gut und schlecht, denke ich mir. Er wird sich den Arsch aufreißen, um uns gut raus zu bringen, aber auf der anderen Seite wird er keinen langen Atem haben. Wir müssen es mit dieser Chance schaffen - oder weiter Klinken putzen.
Aber je mehr ich höre, je mehr ich sehe, wie gut die anderen ihre Sache machen, desto sicherer bin ich, dass alles klappen wird.

Gerade hat Kid ihren Part bei ‚Die andere Seite des Bluts eingespielt'. Sie ist so göttlich gut.
Ich hab die Nacht wieder bei ihr geschlafen. Aber ich erinnere mich praktisch an nichts. Ich bin ins Bett eingeschlagen und erst wieder aus dem Koma erwacht, als der Weckdienst das Telefon klingeln ließ. Da war sie schon im Bad, aus dem sie angezogen und gestylt wieder heraus kam. Die Stimmung zwischen uns ist sehr ruhig und irgendwie ... eng.
Was für eine Stimmung zwischen ihr und Daniel ist, weiß ich nicht. Er starrt sie an durch die Scheibe, saugt an seiner Kippe. Schließlich, als sie den Bogen sinken lässt, meint er: "Supersüße Maus..."
Gut, dass wir fachlich so gut miteinander auskommen.

Der einzige Moment, der Zweifel bringt, ist der, als Friedel seine Backing Vokals einsingen soll. Er klingt wie immer - okay, aber ...
Dieses ‚aber' steht unausgesprochen im Raum zwischen Daniel und mir, aber auch eine ganze Reihe von Wiederholungen können den Zweifel nicht beseitigen. Im Gegenteil, irgendwann wird Friedel immer mieser und Daniel bricht die Session ab mit einem verlogenen "Gut gemacht!".
An den Keyboards ist er wieder souverän und Daniels Lächeln kehrt zurück.
Marteen ist ebenfalls zuverlässig wie immer und braucht kaum Anweisungen.

Alles in allem glaube ich, wir werden es schaffen. Wir sind gut.

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