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AZ 20050331. Bender, BS15/31
11. März
Es ist ein Moment kumpelhafter, ausgelassener Fröhlichkeit, als
wir aus dem Gebäude an der Aachener Straße taumelen, Friedel
hängt albern kichernd mir und Kid um den Hals, so dass wir ihn beinahe
zwischen uns herschleifen, als all das plötzlich in den Hintergrund
rückt.
Meine Mutter steht dort unten auf dem Bürgersteig. Der Augenblick
hat so etwas surreales, als sei ein Alien in die bekannte Welt eingebrochen,
dass ich einen Herzschlag brauche, um das unwirkliche Gefühl loszuwerden.
Als ich sie dort auf den Gehwegplatten aus grauem Beton stehen ssehe,
erinnere ich mich an das alte Hüpfekästchen-Spiel meiner Kindheit.
Stundenlang hatte ich das spielen können. Den Stein in eines der
auf den Boden aufgemalten und nummerierten Felder geworfen und dann auf
einem oder zwei Beinen vom Start bis zur 10 und wieder zurück gehüpft.
Es war vor dem Haus meiner Großmutter und bis die Dämmerung
hereingebrochen war oder sie mich zum Essen rief, habe ich es gespielt
- immer in der Hoffnung, dass wenn ich die ganze Runde fehlerfrei schaffen
würde, das Wochenende schneller käme, an dem ich wieder nach
Hause durfte zu meinen Eltern. Das Wochenende kam nicht schneller und
so stellte ich mir immer schwierigere Aufgaben, malte ich immer kompliziertere,
längere Spielfelder auf den Asphalt und hoffte unverzagt weiter.
Ich verstand, warum es nicht anders ging. Ich hörte die Worte von
Pflicht und Vernunft und wollte ein braves Kind sein. Ich verstand - aber
ich malte kubistische Paläste mit 97 Räumen auf den Boden und
schwor mir, dass der Benz meines Vater direkt neben mir halten würde,
wenn ich es nur schaffen würde, mein Spiel zu vollenden.
Dann traf Oma Walter, der schon mit ihrem Mann befreundet gewesen war,
im Kirchenchor wieder. Walter war einbeinig, er war Frührentner,
weil er alles hatte außer zwei Beinen, und er machte Oma den Hof.
Mich nannte er Engelchen und er schenkte mir die Flöte, die sein
Sohn gespielt hatte, bevor der an Leukämie erkrankt und gestorben
war.
Es war eine silbern schimmernde Querflöte, mit H-Fuß und Klappen,
die leise schnappten, wenn man sie betätigte. Das hat mich zuerst
fasziniert.
Ich weiß nicht, warum Walter mir die Flöte schenkte - er starb
an seinem vierten Herzinfarkt, bevor ich mir diese Frage auch nur selbst
stellte - aber seit dem Tag habe ich nicht mehr gewartet und der Regen
wusch den Bordstein sauber und er blieb es, während ich auf den Stufen
vor Omas Haus saß und spielte.
Es war alles anders seitdem. Der Wagen kam immer zu früh und die
Stunden am Wochenende, in denen ich nicht spielen durfte, weil Erholung
für Papa mit Stille verbunden war und er die Ruhe dringend brauchte,
zogen sich endlos dahin.
Sie fragten mich nach der Flöte, Mama und Papa, aber sie verstanden
nichts davon und Papa interessierte nur, ob ich nicht lieber Fußballspielen
wolle. Flötenstunden waren nie eine Option.
An diese Dinge muss ich denken, als Mama nun so vor mir steht. Es liegt
an dem Muster auf dem Boden, denke ich. Es ist ein ganz einfaches Muster,
ein Käschen, dann zwei neben einander und dann wieder eines ... und
so weiter. Aber meine Mutter kennt das Spiel nicht, sie kommt nicht auf
mich zu sondern bleibt dort stehen, die Arme verschränkt.
Sie wirft auch keinen Stein sondern fragt mich, während ich auf
sie zukomme: "Wo bist du gewesen?"
Die Frage ist dumm. Da sie hier ist, muss sie die Antwort kennen. Ich
weiß nicht, wer ihr gesagt hat, wo wir sind - ich jedenfalls nicht,
aber es ist passiert. Das Alien ist in meinen Kosmos eingedrungen.
"Hi, Mama ...", meine ich und wundere mich wie tonlos meine
Stimme klingen kann. Vor wenigen Minuten noch klang sie ganz anders.
"Wenn es dich interessiert: deinem Vater geht es nach der OP besser."
Irgendjemand berührt mich am Rücken, beruhigend? aufmunternd?
tröstend? Ich weiß nicht. Vielleicht ist es auch eine Ermahnung,
eine Bitte denke ich, nachdem ich mich umgesehen habe und nun weiß,
dass es Friedel ist. Mama hat Friedels Handynummer und diesem Harmoniesüchtel
von einem Freund könnte man auch zutrauen, dass er Mama sagt, wo
wir sind.
Ich richte mich etwas auf, wodurch der Kontakt zwischen der Hand und
meinem Körper endet. "Mama, wenn es mich interessiert hätte,
dann hätte ich mich danach erkundigt."
Ich lasse sie stehen, lasse Friedel stehen und mache mich davon. Einfach
nur weg.
Eine Frage aber folgt mir: warum freue ich mich, dass es ihm besser geht?
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