AZ 20050331. Bender, BS 16/31

12. März

Ein Tag kann kaum besser sein als die Nacht davor.

Die Nacht war beschissen.
Jetzt schlaf ich schon seit dem Dienstag bei Kid - und eine Nacht ist frustrierender als die vorhergehende. Migräne, Nachwehen davon - und nun das.
Es war nicht Friedel, sie hat Mama gesagt, wo wir sind. Und sie hat mich angebrüllt, dass ich die Sache, wie sie es zu nennen beliebte, klären und nicht weglaufen solle.
Das von ihr!
Als wenn sie gut darin wäre, etwas zu klären!

Danach lagen wir Rücken an Rücken. Man hätte Eiswürfel in dem Abgrund zwischen uns kühlen können. Erotisch wie eine Latein-Klassenarbeit. Es war ganz still bis auf das ferne Brummen des Verkehrs. Manchmal hörte Kid wütend schnaufen und musste daran denken, dass Friedel mit Corinna zusammen lag. Ich wollte gar nicht daran denken, was für Möglichkeiten sie hätten.
Tolle Nacht.

Und jetzt sitze ich hier mit Daniel. Die anderen sind alle schon gegangen, lachend und albern nach dem kreativen Tag und in der Gewissheit, dass morgen und übermorgen frei ist. Aber mich hat Daniel gebeten noch zu bleiben. Um mit mir etwas zu besprechen.

In Wirklichkeit soll ich mir etwas anhören. Wieder und wieder spielt er mir den Track vor. Wortlos.
Ich mag das Lied, weil es ein wenig paradox ist. Ich habe es über die Unfähigkeit gemacht, Worte zu finden, die auch genügen.
Es war das Gefühl was ich wirklich hatte zu dem Zeitpunkt. Ich genügte mir nicht mehr selbst. Was ich schrieb erschien mir leer, abgedroschen.
Ich hörte in jeder Zeile den Schatten von Worten, die andere schon gesagt hatten.
Jedes Wort klang gestohlen oder entweihte die Erinnerung an perfekte Sprache. Ich haderte mit Zahlenreihen, die besagten, das man mit 26 Zeichen unendlich viele Kombinationen bilden könne um seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen, denn ich fand nicht zehn Worte, die dazu geeignet waren.
Für einen Menschen, der sich etwas auf seine Ausdrucksmöglichkeiten einbildet... der sich soviel darauf einbildet wie ich... ein quälender Zustand. Und erst mit dem Lied über genau diese Qual war der Bann schließlich gebrochen.

Aber es geht nicht um die Lyrics.

Es geht nicht um mich.

Daniel startet das Lied wieder.

Kids filigranes Violinenspiel lässt die Melodie erahnen, umtanzt und verdichtet sie. Dann kommen die Keyboards dazu, vereinen sich mit der Geige, tragen den Melodiebogen über den Rhythmus hinweg - bevor der Gesang einsetzt. Mein Gesang. Und dahinter, im Refrain, im Echo der Titelzeile, Friedels Stimme.

Ich höre durch die Kopfhörer genau, was Daniel hört. Ich weiß genau, was er meint. Ich weiß, er hat Recht. Und dennoch schüttele ich den Kopf.

Daniel sieht mich an. "Du hörst es nicht?", fragt er zum wiederholten Mal und seine dicken, beringten Finger gleiten über die Regler. "Hör es dir nochmal an."

Wieder das filigrane Geigenspiel. Die Keyboards ... der Rhythmus ..und wieder ... und wieder .... dann nicke ich einfach nur noch.

"Es klingt scheiße", meint Daniel. Ich nicke wieder und fixiere seinen Zeigefinger auf dem Schieber für die Lautstärke. "So wird das nichts."

"Er singt so ... es ist okay...", behaupte ich lahm. Es klingt genauso wenig überzeugt wie ich es bin. Friedel ist ein göttlicher Programmierer, er ist gut an den Keyboards, aber er singt nur uns zu liebe. Und nur mit Liebe kann man das Ergebnis als angemessen empfinden.

"Es kann so nicht bleiben", erklärt Daniel und ich nicke ergeben. "Das hier geht an alle Radiostationen. Das wird rauf und runter gespielt werden. Und es klingt ... scheiße."

Müde sehe ihn an und streiche mir das Haar aus der Stirn. "Es ist alles, was wir haben."

"Nein, ist es nicht!" Daniel beugt sich vor und klingt beschwörend.

"Gegen Marteen ist Friedel ein neuer Caruso. Und wen anderen haben wir nicht."

"Doch." Daniels Augen sind fest auf mein Gesicht gerichtet, sein Blick bohrt sich beschwörend in meinen.

Ich denke an Kid und frage mich, wie das Lied mit ihr im Background klingen wird. Aber dann reißt mich Daniels Stimme aus diesen Gedanken. "Doch ... dich."

"Das kann ich nicht. Friedel ist mein Freund. Ich kann ihn nicht so ausbooten." Meine Handflächen sind feucht, während wir uns ansehen, der Dicke und ich.

"Er muss es nicht erfahren. Geh an Mikro. Es wird nicht lange dauern - und es wird niemand wissen."

Kurz vor Mitternacht sind die Tracks fertig. Jede einzelne Spur mit Friedels Gesang ist gelöscht und gegen meine Stimme ausgetauscht. Ich fühle mich ... schmutzig. Ich fühle mich wie ein Verräter - und wieder überrascht mich Daniel, indem er den Arm um meine Schultern legt und mich mit verständnisvollen Worten zu trösten versucht.

Aber, verdammt noch mal, denke ich während ich im letzten Bus zum Hotel fahre und auch noch, als ich wieder stumm neben Kid liege. Aber verdammt nochmal, Daniel, wenn man es nicht hört - warum konnte es dann nicht so bleiben?

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