AZ 20050331. Bender, BS17/31

13. März

Morgens war Kid schon weg, als ich wach wurde. Ich fühlte mich so beschissen wie ich aussah, nachdem ich ohne Abschminken ins Bett gegangen war. So war eine lange Renovierungsphase nötig, bevor ich ein Gesicht aufgemalt hatte, das ich der Welt auch zeigen wollte.
Ohne Frühstück war ich los, in die Stadt, die in ihren Mauern so große Geschichte gesehen hat. Köln ist schon cool. Die Frühlingssonne hatte die ersten Albernheiten ans Blühen gebracht, so sah man allenthalben fröhliche Menschen - und lauter, lauter Paare. Aber nicht einmal das konnte mich schrecken.
Die Blicke, die ich von einigen sehr netten Schnecken erntete, ließen die Hoffnung in mir wieder hochkommen, dass ich heute Nacht vielleicht nicht ganz ohne Zuspruch bleiben musste nach der Disse.
Und die Blicke der alten Damen in beigen Strickröcken, die mich bei meinem Gang über einen alten Friedhof in der Südstadt misstrauisch beäugten, beruhigten mich: Goth ist trotz aller "Bittersweet"-Sampler immer noch nicht gesellschaftsfähig. Orange ist vielleicht doch nicht das neue Schwarz.

Ich sitze auf dem Bett in dem Zimmer, das ursprünglich mal meines war. Es ist Stunden später, es ist dunkel draußen und der Mond ist aufgegangen, eine schmale Sichel. Dunkel ist auch der Inhalt meines Koffers. Aber nicht sehr inspirierend. Ich habe keinen Plan, was ich gleich anziehen soll. Mehr dunkler Ritter? Mehr Elektro-Jünger? Mehr androgyne Gruftschlampe? Mehr Vampir?
Samt, Seide, Taft, Netz, Ketten, Silber, Leder, Latex. Alles da.
Ich hab' nichts anzuziehen!

Draußen auf dem Gang vor dem Aufzug höre ich Friedel lachen. Er ist schon fertig. Was auch gut so ist, denn vor 5 Minuten will Daniel uns mit dem Wagen abholen.
Na gut.
Ich ziehe das schwarze Achselshirt an und das Netzhemd drüber. Die Bondagehose geht immer und die Docks natürlich. Nur die Handschuhe noch und fertig.
Junger, unschuldiger Gipsy, der Anschluss sucht. Nimm mich mit in dein Bett, ich bin süß! Das ist das Thema dieses Outfits, mit dem ich rauskomme.

Und ich pralle gegen eine Wand aus Hormonen.

Da sind ganz sicher, den Gesprächen nach, viele Leute im Flur. Aber ich sehe nur Kid. Sie trägt die schwarze Cargohose, die wie immer viel zu tief sitzt, um mich ruhig schlafen zu lassen, und ein Oberteil, das ich noch nie an ihr gesehen habe. Ich würde sagen; zwei Handfläche Latex-Lappen und ein Gespinst aus Schnüren beschreibt es am besten.
Das ist nicht viel. So wenig, dass mein Mund ziemlich trocken wird. Das war trotzdem teuer - ich hab es ihr geschenkt (sie hat mich Arschloch dafür genannt).
Nur angehabt hat sie es noch nie.
Sie steht seitlich zu mir ohne mich anzusehen.
Ich sehe das Tribal auf ihrer Schulter und eine der beiden eher polynesischen Manschetten um ihren Unterarm.
Und ich sehe Daniels fleischige Hand, die auf ihrer hellen Haut liegt, direkt unter dem Schulterblatt schmiegt sie sich an Kids schlanken Körper.

Kid dreht den Kopf und sieht zu mir hin, ohne jede Überraschung, dass ich schon aus dem Zimmer bin. Sie bewegt sich nicht.

Mir wird mein unspektakulärer Auftritt bewusst.

Ich sehe Daniels Shirt mit den Schuppen an den Ärmeln, jede einzelne fein geprägt wie eine Drachenrüstung, seine Korsage mit den breiten Lederbändern, 9 übereinander, die mit Schnallen verschlossen rund um seinen Wanst liegen, und die selbst ihn cool aussehen lässt.
Ich sehe seine Ledermanschetten, die sicher für ihn angefertigt worden sind, den schweren Rock im Hakama-Stil mit den Unmengen an Bändern und Ketten.
Sein Blick wird durch die silberne Kontaktlinse gebrochen, so das man nie genau sagen kann, wo er hin sieht.
Das ist kein fetter Toningenieur, der Kotau macht, das ist .... eine Stilikone.
Und ich ...?
Ich sehe aus wie ein Schuljunge.

Kids Blick ist eisig, als ich ihm wieder begegne.

Ich reiße meine Aufmerksamkeit von der Stelle los, wo sich ihre Haut und Daniels berühren und gehe zum Aufzug vor, den Kopf hoch erhoben.

Nacht! Augen auf, Gipsy kommt!

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