AZ 20050331. Bender, BS18/31

Der Anfang ist schon mal nicht gut.

Wir stehen am Eingang der Diskothek, die in einer Seitengasse in einer Einkaufsgegend liegt. Corinna und Friedel sind schon mit einer Laufkarte versehen auf dem Weg nach unten, Marteen steht noch auf dem Absatz, er beäugt die Besucher, die sich auf der Treppe einen Moment Ruhe gönnen, ferner der Musik, näher am Sauerstoff. Es ist auch ein hübsches Bild - auf der einen Seite der Treppe eine Kette aus Grablichtern, die Stufe für Stufe ein warmes, rotes Licht verbreiten und auf der anderen Seite die schönen Kinder der Nacht. Jedenfalls wird es Auswahl geben. Auch wenn bei keinem da auf der Treppe so wunderbar kupferfarbene Strähnen im Haar sind wie bei ....

Kid steht übrigens (natürlich) mit Dani zusammen hinter mir. Das allein verleidet mir den Abend schon jetzt, bevor er wirklich begonnen hat. Daniel hat ein Gespräch angefangen mit Leuten, die in der Fußgängerzone zu uns gestoßen sind und augenscheinlich das gleiche Ziel haben.
Natürlich kennt der Dicke sie.

Von mir aber will der Kerl hinter der Tür den Ausweis sehen. "Sorry, Junge. Aber erst ab Achtzehn."
Das macht das Desaster dann vollkommen. Es erschüttert mich, vor allem weil ich keinen Ausweis dabei habe. Fünfzig Euro hab ich eingesteckt, das war's.

Marteen kichert.
Keine große Hilfe.

Erst Daniel rettet mir aus dieser Situation. Seine schwere Hand legt sich auf meine Schulter. Die Handfläche ist warm und leicht schwitzig. Zwischen den Maschen des Netzshirts kann ich das spüren. Ich bilde mir ein, dass seine Finger nach Kids Haut riechen. Ich quäle mich gerne selbst, aber ich kann nicht umhin anzuerkennen, dass er sich sofort für mich einsetzt.
"Der Junge ist dabei für mich eine Platte einzusingen. Das ist schon okay, Michael."

So komme ich nicht nur rein, ich bekomme sogar eine Freikarte zugesteckt.
Es sind zwar nur vier Euro, die ich spare, aber im Augenblick scheint mir jeder Euro wichtig, um ihn in "Rausch" anzulegen.
Aber zudem höre ich auch noch, wie das Wort von der Platte und dem Sänger die Runde macht.
Und Marteen hat regulär bezahlt.
Vielleicht muss ich den Abend ja nicht nur schönsaufen.

Meine Güte, ist die Disko niedlich. Man kann vom Eingang, also wenn man erst mal unten ist, aus das Ende des Raumes sehen. Das ist nicht zu vergleichen mit den Tanzpalästen mit diversen Floors und Areas, in die wir sonst gehen. Aber es hat etwas gemütliches. Ja, doch. Das hier ist mehr Goth als Electro. Aber das ist okay. Die Mädchen hier, zwischen Todesengel, Hofdame und Succubus schwebend, sind weicher als die EBM-Weiber. Das kommt mir entgegen im Moment. Wie ein weicher Kuss auf kalte Lippen.
Hab ich das irgendwo verwendet? Oder ist das von wem anderen?

Die Tanzfläche ist klein, keine sechs Meter im Quadrat, über ihr flackern eine Reihe von Scheinwerfern und Strahlern und eine Diskokugel dreht sich langsam. Drumherum drängen sich Leute, einige stehen auch schon auf der Tanzfläche, was ich ja gut leiden kann. Rumstehen und anderen den Platz zum Tanzen wegnehmen.

Ich zünde erst einmal eine Zigarette an, während die letzten Takte von "Sage Ja!" durch die Lautsprecher knallen. Das ist schon mal ganz gut an. Friedel und Co. sowie Marteen sind verschwunden, vermutlich zur Garderobe, die hinter der Bar ist.
Die Deko ist nett. Ein paar mit elektrischen Kerzen geschmückte Skelette, eine Menge Spinnweben. Bistrotische stehen an den Wänden, dort brennen weitere Grablichter und insgesamt wird das ganze gemütlich altbacken-gruftig.

Daniel und sein Hofstaat ziehen an mir vorbei (Kid kann sich einen Blick nicht verkneifen) und verschwinden ebenfalls in Richtung Bar.
Diese ist aber auch sehr anziehend. Im Vergleich zum Raum ist sie hell erleuchtet und das warme, goldene Licht fällt durch eine Unmenge von Flaschen, die in Gestellen stecken, die rund um die Bar über der Theke angebracht sind. Goldene Whiskeytöne wechseln sich mit kühlem Curacao-Blau und poppigem Genever-Rot ab. Wodka-weißes Licht sehe ich auch.
Auf der Theke selbst stehen diese sehr schmalen Gläser, die für das hiesige Bier gedacht sind, einige Pilzflöten und sonst Softdrinks. Dazu einige Red-Bull-Dosen und diese kleinen Cola-Flaschen mit einer Palme darauf, deren Geheimnis ich noch nicht ergründet habe.

Aus dem Augenwinkel heraus entdecke ich eine kleine Gruppe an einem der Tische. Es sind nur Mädchen, alle Anfang der Zwanziger und eher Gruft-light. Schwarz zwar, Netz und dekolletiert, aber nicht wirklich ausgefallen.
Ich mag das Alter bei Frauen. Sie sind dann wie ... aufschlossen, sehr gut entwickelt und wissen eine gewisse Höflichkeit zu schätzen. Außerdem klammern sie nicht wie Teenies und halten Französisch nicht für eine Sprache.
Diese Vier sind alle sehr niedlich, aber nicht so niedlich, dass sie schwer zu becircen oder auf jeden Fall schon vergeben sein werden. Zudem sind sie scheinbar untervögelt, denn sie fummeln aneinander rum, als bräuchten sie dringend Zuwendung. Und keine ist rothaarig.

Ich schlendere zu ihnen und lächele in die Runde, während Skinny Puppet gespielt wird, was ich ohnehin nicht so mag. Leider wechselt das Lied, bevor ich einen Einsatz machen kann, und drei der Hübschen stürmen an mir vorbei zur Tanzfläche. "Walpurgisnacht" lässt auf eine Zugehhörigkeit zur Mittelalterszene schließen und erklärt auch die Kleidung.
"Hi..", meine ich schließlich zu meiner verbliebenen Dame.
Sie ist kleiner als ich, trägt unter einer schwarzen Bluse einen schwarzen BH (deutlich sichtbar) und einen schwarzen, ausgestellten Rock. Das hübscheste sind ihre Finger mit den langen, lackierten Nägeln und vielen Ringen mit Steinen, die bei jeder Bewegung funkeln. Sie hat das braune Haar zu zwei Schnecken über den Ohren aufgedreht, was ganz süß aussieht.
"Hi...", antwortet sie, mich musternd und durch einen Strohhalm Cola saugend.

Lieber wäre mir das Mädchen gewesen, das vorher neben ihr gestanden hat. Aber als ich sie tanzen sehe wie einen Halm im imaginären Melodienwind sich wiegend, erscheint sie mir ziemlich langweilig und beschließe, aufgeschlossener zu sein.

"Ich bin das erste Mal hier", eröffne ich das Gespräch.
"Es ist nett... ich bin auch nicht oft hier, ich hab kein Auto."
"Ein Freund hat mich mitgenommen. Er sagt, es wäre gut hier."
"Ja, schön ist es."

"Kommst du aus Köln?"
"Ja, aber da ist samstags nicht so viel los. Früher hab es eine Party, aber die war nur einmal im Monat und die gibt nicht mehr. Mehr Electro."
Das wäre mir jetzt auch lieber. "Liegt mir auch mehr. Wie ist die Musik hier so?"
"Ja ... so halt..."

Ich sehe zur Tanzfläche um auf neue Inspirationen zu stoßen. Einige der Leute tanzen wie ich es mag, mit klaren, kraftvollen Bewegungen. Aber die meisten versuchen sich in schwarzem Ausdruckstanz, singen mit und setzen das, was sie hören, kaum um. Ein Mann ist da, dessen Stil mir selbst zu dem Lied gefällt, er trägt etwas, dass ein bisschen an einen New Yorker Cop erinnert, incl. der Handschellen, die am Arsch baumeln und schwarzer Kappe, aber er ist nicht mein Typ. Zu groß und schwer. Naja, im Gegensatz zu den Elfen um ihn her jedenfalls. Neben Daniel sähe er zierlich auch.
Eine Frau fällt mir auf - sie trägt eine Lederkorsage, die hinten weit offen ist und durch deren Schnürung man ein wunderschönes Tattoo erkennen kann: in schwarz gestochene, elegant geschwungene Lilien. Der Rock, den sie dazu trägt ist an den Seiten bis zur Hüfte geschlitzt und entblößt perfekte, bestrumpfte Beine - aber augenscheinlich ist sie mit dem Typen da, der neben ihr Fliegen fängt statt zu tanzen. Außerdem hat sie kurze Haare.

"Wir sind zu Plattenaufnahmen hier", erkläre ich dann, um Bewegung ins Spiel zu bringen. So sprechen wir auch noch über die Band als die anderen Mädchen zurückkommen.
Es lässt sich gut an - bis nach einem neuen Musikwechsel meine Gesprächspartnerin wegstürmt. Ich mag das Lied, Snuff Mashinery. Aber ich nehme Abstand von der kleinen Brünetten: sie bewegt sich, als wollte sie in einem Zombiefilm mitmachen - als Zombie. Dazu wedelt sie mit den Händen, als wollte sie ihren Nagellack trocknen.

Ich nicke den anderen Dreien zu und schleiche mit zur Quelle allen Glückes - an die Bar.
Ich hab kein Problem mit Alkohol, nur ohne ...

"Schon Achtzehn?", fragt die Schnecke hinter dem Tresen.

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