AZ 20050331. Bender, BS 19/31

15. März

Der erste Track ist fertig. Er hört sich gut an. Sehr gut.
Kraftvoll und doch melodisch. "Darker End" könnte die Single werden, überlege ich gerade. Der Text ist nicht zu abgedreht, wie es meine deutschen Lyrics oft genug sind.
Das elektronische Element ist zündend.
Und die Violine ist der Lichtblick, ist der Samt auf der geschundenen Seele.
Ich weiß nicht, ob ich es heute noch so schreiben würde.

Gestern Nacht sind wir früh morgens erst im Hotel gewesen - und dennoch ist Kid nicht mit mir nach oben gekommen. Sie wollte noch ... eine Runde frische Luft schnappen. Wir sind oft stundenlang daheim durch die Nacht gelaufen, haben über das Leben, die Zukunft, den Tod und Musik gesprochen. Immer so nah, immer so vertraut.
Und jetzt steht Daniel hinter ihr, eine Wand aus Selbstbewusstsein, finanziellen Möglichkeiten und Stil - und hält ihre Handtasche.

"Klar, kein Problem", hab ich gesagt. Glaub ich jedenfalls, denn ich war so was von betrunken. Ich weiß nicht einmal mehr, wie ich ins Zimmer gekommen bin. Ich erinnere mich noch an ein T-Shirt, das mich ersticken wollte. Jedesmal, wenn ich die Arme durch die Löcher schob, legte sich Stoff über meinen Mund und ich kam nicht durch ... Am Ende waren es die Shorts .. kann man ihnen keinen Vorwurf draus machen.

Morgens war Kid wieder da. Dennoch würde ich wohl im Moment keine solche Melodielinie für die Geige schreiben.
Alles verändert sich. Es wird dunkler und dunkler mit jedem Schmerz, den wir erdulden.
Das ist eine Zeile aus Schattenkind.
Das würde ich heute auch so schreiben.

Daniel nickt schließlich. "Das mix ich noch mal ein bisschen ab, wenn ich was Abstand hab, dann ist das perfekt. Wenn wir in dem Tempo weitermachen, liegen wir gut in der Zeit. Dann sind wir in zwei Wochen beim Festival mit ner geilen EP dabei."
Marteen nickt.
Friedel strahlt.
Ich zünd mir ne Zigarette an und ignoriere Kid.

"Wir brauchen nur noch ein paar gute Storys für die Magazine. Etwas, was euch als Menschen und vor allem als Künstler definiert, etwas, das euch unverwechselbar macht."
"PR-Scheiß", meint Kid trocken.
"Ja, Herzchen, PR-Scheiß", wiederholt Daniel genauso trocken. "Denk immer dran, Scheiße ist Dünger."

Ich verbrenne mir die Finger, als ich in die Glut greife. Er hat sie Herzchen genannt. Ich ... ich fasse es nicht. Er darf sie Herzchen nennen!
Die anderen sehen verwundert zu mir hin und ich tue, als wäre nichts gewesen. Da hab ich nur noch neun Finger und passe noch nicht mal auf die auf.
Die gleichen Gedanken scheinen auch Marteen gekommen zu sein. Er meint: "Mein Gott, Gipsy, fackel dir nicht noch mehr Stumpen ab!"
Friedel starrt den älteren böse an - aber ich grinse nur. "Keine Sorte, Marteen, für deine Mutter brauch ich eh nur die zwei..."
Ich halte Zeige- und Mittelfinger hoch und ziehe sie schnell genug weg, dass Marteen sie nicht packen und gegebenenfalls brechen kann.

Um den Tisch entsteht etwas Unruhe, in der nur Daniel völlig ungerührt verharrt. Er trägt wieder Alltagskleidung: schwarzes Hemd und ne Hose, in der ich zelten könnte mit ner Unmenge Taschen. Würde ich zugeben, dass ich Grönemeyer kenne, würde ich Kid fragen, seit wann es sie zu Vetteln hinzieht.
Jetzt meint die Vettel: "Kid .. äh, Gipsy, was ist das mit deiner Hand. Kann man da was draus machen?"
Ich schüttel den Kopf und könnte Friedel für den betretenen Gesichtsausdruck, den er präsentiert, schütteln. "Ein Unfall."
"Nur?", fragt Daniel nach.
"Nur", behaupte ich locker.
"Schade.... naja, gut dass du damit überhaupt noch Spielen kannst."

Kann ich nicht. Nicht mehr so wie früher. Und sicher nicht gut genug für ein Studium. Mit der Prothese reicht es alle Male für das, was ich hier bringen muss, aber nicht für mehr und nicht mehr fürs Klavier.

"Früher hat Gipsy Klavier gespielt!", sprudelt Friedel raus.
"Echt?", fragt Daniel nach. Aber ich missinterpretiere das nicht als Interesse an mir: er sucht lediglich nach einer schweren Kindheit bei einem von uns.
"Ja, echt. Aber stattdessen hab ich jetzt Geige spielen gelernt."

Ich sehe zu Kid hin. Unwillkürlich. Ich sehe sie immer so gerne an, alte Gewohnheiten sterben auch langsam. Und wohin soll ich sonst sehen, wenn von Geige die Rede ist und ich an die Stunden denken muss, die wir zusammen verbrachten in ihrem kleinen, dunklen Zimmer?

Ich spüre fast wieder, wie ihr Körper meinen berührt, während sie meine Haltung korrigiert.
Auf ganzer Länge berührten wir uns, ihre Brust lehnte gegen meinen Rücken und sie hatte Arme gehoben und um mich gelegt - naja, fast. Sanft stießen ihre Finger von unten gegen meine Hand, hoben mein Handgelenk, bis ich mich elegant fühlte wie ein Tangotänzer mit dem Bogen in der Rechten und der mahagonifarbenen schimmernden Violine unter dem Kinn. Dann umhüllte mich ihre leise Stimme, murmelte direkt in mein Ohr etwas von "Geh Du Alter Esel" und ich spürte, wie ihr warmer Atem meinen Hals streichelte. Dann bog sie die Finger meiner Linken um den Hals der Geige und drückte die Fingerkuppen auf die Seiten nieder.

Und jetzt ... jetzt sieht sie mich an - und der Blick lässt mich das Atmen vergessen.

Kid, wie kannst du mich so ansehen, wenn du die Nacht mit anderen Kerlen verbringst?

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