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AZ 20050331.Bender
Schlimm war es immer. Schlimmer war es, wenn er getrunken hatte.
Das schlimmste war, dass man nicht merkte, wenn er getrunken hatte - die
anderen jedenfalls nicht. Weiter war er charmant, weiter war er witzig.
Sein brillanter Geist funkelte wie immer - nur schnitt er manchmal noch
tiefer. Bis aus Blut.
Und bei dem Jungen bis aufs Herz, trennte es mit knappen, präzisen
Schnitten aus dem Brustkorb.
Die Rechnung lag in unschuldigem Weiß auf dem Tisch. Die Lampe,
die ob der späten Stunde über dem Essplatz brannte, ließ
das Papier ein wenig glänzen.
Quartalsrechnung für Musikstunden, sorgsam aufgeführt Stunde
um Stunde aufgelistet und mit 5,75 Euro multipliziert.
Der Junge atmete durch, strich sich mit der flachen Hand über die
Brust. Er wusste nichts zu sagen, es war zu überraschend gekommen:
dass der Vater da war, als er nach der Disko heimgekommen war, dass überhaupt
noch jemand auf war, dass seine Post geöffnet worden war.
"Es ist nicht an dich
.", meinte er dann widerborstig,
unwillig eine Niederlage anzuerkennen.
"Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst, werde
ich mich über alles informieren, was in diesem Haus vor sich geht.
Und ich werde das nicht dulden. So einen schwulen Scheiß machst
du nicht."
"Du kannst es mir nicht verbieten." Das spitze Kinn hob sich
trotzig, alle Reflexe, die sonst das Überleben sichern in feindlicher
Umgebung, waren ausgeschaltet.
Er zuckte auch nicht, als er die Hand kommen sah, die in sein Gesicht
wollte. Er zuckte nie. Nicht mehr seit er 15 war.
Die Ohrfeige, auch wenn sie den Kopf des Jungen herumriss und einen Abdruck
auf seiner Wange hinterließ, stellte keine Zäsur im Gespräch
dar. Es war wie ein Mittel nonverbaler Kommunikation. Schließlich
ging auch das Gerücht, dass Krieg nur die Fortsetzung der Politik
mit anderen Mitteln war.
"Und wie ich dir das verbieten werde!", bemerkte der große,
breite Mann. Es war eine Drohung, die nicht ohne Substanz war. In diesem
Hause passierte, war er wollte. Es war sein Haus, seine Familie, seine
Frau, sein Sohn. Er nährte sie, er beschützte sie, er hatte
ein Anrecht auf ihren Respekt, ihren Gehorsam und ihre Liebe.
Der Mann war massig, und dennoch ging von ihm eine Anziehungskraft aus,
die körperliche Schönheit übertraf. Hässlich war er
durchaus nicht. Er war blond, hatte eine gerade Nase und vor klaren, blaugrauen
Augen saß eine extravagante Brille. Charisma und maskuline Ausstrahlung
strahlte er aus wie die Sonne Hitze und Licht. Und im Glanz seines Angesichts
konnte kein anderes Leben existieren.
Der Junge war schmal, kleiner. Es wäre möglich, dass er noch
einen Schuss täte, er war noch nicht über das Alter hinaus,
in dem man wuchs. Sein Haar war dunkler, rotbraun und am Hinterkopf zu
einem Zopf, einem puscheligen Pinsel, zusammen gebunden. Schwarz war seine
ganze Kleidung.
Der Kopf des Jungen hob sich wieder. Der Glanz in seinen Augen, der nach
dem Schlag aufgetaucht war, war wieder verschwunden. Was dort jetzt strahlte
war ein anderer Glanz, waren keine Tränen.
Er dachte an seinen Erdkundelehrer, in diesem Moment. Seit vielen Monaten
dachte er in solchen Momenten an Herrn Poth. Sie hatten über Südafrika
gesprochen und die Diamantminen dort. In einem Nebensatz nur war er gefallen,
der Ausspruch: es braucht Druck, damit aus schäbigem Kohlenstoff
ein Diamant wird. Seitdem dachte der Junge bei jedem Anfall von Erziehung,
der über ihn kam, an dieses Bild: wie in der Tiefe der Erde unter
Druck die Härte, die Brillanz und das Strahlen eines Diamanten geschaffen
wurde - und duckte sich nicht. Aber er bemitleidete den alten König,
der bald abtreten musste und dann erschlafft und unmännlich von seinem
Thron fallen würde, einsam und verlassen.
Der Vater sah seinen Sohn an, merkte unvermutet auf, denn er witterte
eine Veränderung: war es die schwarze Kleidung, die dem Kind zur
Gewohnheit geworden war? War es der Blick, der dem des Älteren kühl
begegnete? Begegneten sie sich etwa auf einer Augenhöhe?
"Glaubst du etwa immer noch, dass Walters Sohn Leukämie hatte?
Der ist an Aids verreckt, die Schwuchtel!"
Kein Muskel regte sich in dem schmalen Gesicht.
"Du wirst nicht mehr zum Unterricht gehen. Ist das klar?"
"Ich lasse mir das Flötespielen nicht verbieten."
Ganz klar waren die Worte, ganz klar war der Blick.
"Doch, dass wirst du dir verbieten lassen. Du kannst meinethalben
Tennis spielen, damit habe ich kein Problem. Aber mit der Scheißmusik
ist Schluss."
"Papa, ich will nicht Tennisspielen. Ich will weiter Flöte spielen.
Ich muss gut genug sein für die Aufnahmeprüfung."
"Aufnahmeprüfung?"
Einen Augenblick lang wankte der Blick nun doch, aber nicht für
lange. Gesagt war gesagt, und es war die Wahrheit.
"Ich will auf eine Musikschule", erklärte der Halbwüchsige.
Sein Herz schlug schmerzhaft gegen sein Brustbein, so fühlte es sich
jedenfalls an. Darunter war ein riesiger Hohlraum, in den dieses wild
klopfende Etwas fallen konnte, wenn ihn nur ein wenig der Mut verließ.
Sie sahen sich an. Ihre Augen waren sich so ähnlich. Das wussten
sie - aber wie ähnlich sie sich sonst waren, würden sie nie
wissen. Und sie würden auch nie sehen, was der andere sah. Sie würden
nicht mehr hinter die Masken sehen können, um die Liebe zu erkennen,
die am Anfang gewesen war.
Der eine war zu alt geworden hinter seiner Maske.
Der andere hatte vertrauen wollen, aber er ist gefallen, weil ein Mann
nie gelernt hatte, wie man ein Kind festhält.
So stehen sie sich gegenüber und schreien sich an, weil schon lange
kein Wort mehr beim anderen Ankommt und die Zeit reißt ihnen den
Boden unter den Füßen weg, wie das Meer den Strand bei Sturm.
"Das wirst du nicht tun!", schrie der Vater.
"Doch!", kam die zornige Antwort.
Dann brach Stille herein. Stille wie Eis, die den Raum einfrohr.
"Du hast ja auch keine Flügelchen mehr", höhnt die
Stimme des Vaters. Wohlmoduliert, geschliffen. Man lernt zu reden in all
den Rhetorik-Seminaren. Man lernt den Gegner zu sezieren und zu vernichten.
Der Kloß im Hals ist ein Würgen, das Schlagen des Herzens
ist fort, da ist nur noch ein Loch in seiner Brust. "Was willst du
tun?", fragt der Sohn heiser und die Erinnerung an den Schmerz ist
wieder da - aber sie wird aufgesogen von der Leere hinter seinen Rippen.
Der, dessen Herz nicht mehr schlägt, spürt auch keinen Schmerz.
Eine Zeile aus einem der Lieder, die er sich ausdenken wird.
Mit einem Mal ist die Angst ganz weg.
"Was willst du tun?", wiederholt er.
Es kommt keine Antwort.
Die Euphorie ist wie ein Droge, Adrenalin schäumt durch den schlanken
Körper, das Dröhnen im Kopf schaltet alles andere aus.
"WAS WILLST DU TUN?" Der Junge lacht auf und geht zu weit.
"Willst du mir wie der Typ im Piano den Finger abhacken?", fragt
er. Das macht ihn vielleicht mitschuldig.
Der Mann lacht. Nur wenn er so lacht, kann man den Alkohol in seinem
Atem riechen. Macht ihn das weniger schuldig? Er weiß nicht genau,
wie das schwere Messer mit der breiten Klinge aus dem Massivholzblock
auf der Spüle den Weg in seine Hand findet.
Schlagartig ist die Angst wieder da bei seinem Sohn, man sieht es im Gesicht
des Jungen. Nun ist es am Vater, Hochgefühle zu spüren.
"Angst?", fragte er - und bekommt keine Antwort.
"Angst?", wiederholt er und greift über den Tisch, der
sie trennt, nach der Hand des Kindes.
Graue Augen begegnen grauen Augen in diesem Moment. Unendlich scheint
der Abgrund, der die beiden trennt. Dann knallt die feuchte Handfläche
des Jungen auf die Tischplatte, niedergedrückt von der breiten Pranke
des Vaters.
"ANGST?", brüllt er noch einmal, setzt die Schneide des
Messers über den schmalen Finger. Leicht ist der Druck des Stahls
zu spüren.
Leicht zittert das Messer in der Rechten des Vaters.
Aber die Linke, die das schlanke Gelenk des Sohnes umfasst, gibt nicht
nach.
"Nein...", kommt die Antwort unhörbar.
Zuerst ist da nur der Schatten der Faust, die der Junge hebt. Ein schwarzes
Schatten, der über das Papier hinweg huscht.
Dann saust die Faust nach unten.
Auf den Rücken des Messer.
Treibt es nach unten.
Durch Fleisch, durch Knochen.
Rot spritzt das Blut auf das Papier.
Mit einem Knall trift die Klinge auf Holz.
Weiter stehen sie sich gegenüber.
Der Vater lässt den Sohn los.
Blut läuft unvermindert aus der grausigen Wunde.
Blicke finden sich noch einmal.
Dunkel wird schon der des Jungen vom Schmerz, der gleich einsetzen wird.
Es flackert der des Mannes, der nicht sagen kann, wie das geschehen konnte.
Dann hebt der Vater, Rolf Bender, 43, Jurist und Mitglied des Landtages,
die rechte Hand, die kein Messer mehr hält.
Mit Wucht zieht er sie durch das Gesicht seines Sohnes, Felix, 17.
Und geht.
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