AZ 20050331. Bender, BS 20/31

17. März

Langsam wird es Routine. Aber gut. Es ist ein Ineinandergreifen aller Rädchen, Tonspuren vereinigen sich zu Liedern. Wir hocken dicht aufeinander die ganze Zeit und werden immer mehr ein Team. Wieder und wieder hören wir halbfertige und fertige Stücke, diskutieren über Arrangements.
Einmal lässt mich Daniel ein Stück komplett neu einsingen, aber meist erwischt es die anderen.
Noch einen Tag, dann ist es vorbei.

Corinna ist nach dem Wochenende verschwunden, schließlich muss sie was für ihr Abitur tun. Erstaunlich, dass Fräulein Perfekt überhaupt mitgekommen ist: sie musste die Schule schwänzen, der Stress, als Zechpreller im Hotel erwischt zu werden. Und das alles für Friedel.
Wäre ich nicht so eifersüchtig auf das, was sie haben, würde ich mich für Friedel freuen.

Wenn ich mir vorstelle, was ich mir von den gemeinsamen Nächten mit Kid versprochen habe, dann könnte ich mit dem Kopf auf die Tischplatte schlagen. Wir sprechen nicht mal miteinander.
Montag ging sie mit dem Toningenieur noch weg, nachdem wir fertig waren. Sie kam kurz vor Mitternacht heim.
Dienstag blieb sie bei Daniel im Auto sitzen, nachdem er uns ins Hotel gefahren hatte. Und kam etwas später als die Nacht davor zum Schlafen.

Ich kann sie hören, wenn sie kommt.
Friedel und ich liegen dann schon im Bett.
Ich schreibe und er daddelt - oder er schläft schon. Ich schlafe nicht, bevor ich sie gehört habe. Ich frage mich, ob diese Arschlöcher sie wenigstens heimbringen. Ich stelle mir vor, wie sie sich für diese Wichser auszieht, sich Schweiß mit Schweiß mischt. Wie sich Körper schwer auf ihren schieben. Darum schlafe ich nicht, bevor ich den Aufzug höre, wie er mit einem leisen Pling in unserem Stockwerk anhält.

Der Nachgeschmack dieser Vorstellungen macht meine Träume bitter. Ich sehe ein rothaariges Kind, das durch kalte, leere Gänge flieht. Ich sehe Fratzen in den Wänden und Hände, die sich in die kupferfarbenen Locken krallen. Dann zerreißen die weißen Kleider des Mädchens und ich wache mit klopfendem Herzen auf.

Ich habe zwei Texte geschrieben, die mir nicht helfen, über die Träume weg zu kommen, obwohl sie voller dunkler, dramatischer Bilder sind. Was man halt so schreibt nachts um Vier in fremden Hotelzimmern, während der beste Freund sich auf der anderen Betthälfte in eine bessere Welt träumt.

Kid... Kid ... Kid ... Was will du bloß beweisen?

Ich überrasche mich selbst, als ich später, während wir die Jacken holen und überziehen, frage: "Kommst du heute mit mir mit?"

Dabei hat sich meine Hand um ihre gelegt, bevor ich es noch selbst bemerkt habe. Sie lässt es zu, sieht hinunter auf unsere Finger, die sich miteinander verschränken. "Ja.. ja, na gut, kann ich machen", murmelt sie dann und sagt nichts mehr während der ganzen Fahrt. Aber los lässt sie mich auch nicht.

Ich hatte immer eine Wahl. Sie auch?

Im Hotel stehen wir Vier wie jeden Abend noch einem Moment in dem winzigen Vorraum, albern und zögern den Moment der Trennung hinaus, bevor wir uns in den Aufzug quetschen und nach oben fahren.

"Hey", meint Marteen gespielt überrascht. "Ist das nicht Miss-ich-geh-noch-aus?"
"Heute geh ich mit Gipsy aus", meint Kid spöttisch.
Marteen lacht. "Wow, dann hört die Zeit der sexuellen Frustration für unseren ..."
Er bringt den Satz nicht zu Ende, weil ich seine Eier in der Hand habe.
"Schätzchen...", erkläre ich ihm. "Wenn dich mein Sex zu interessieren hätte, dann hätte ich mir schon deinen Arsch geholt."
Friedel geht zum Glück dazwischen, schubst mich gegen die Wand des Metallkäfigs und brüllt uns beide an, während wir in unserem Stockwerk anhalten.
"Weißt du was?", frage ich Marteen, während dieser zuerst auf den Gang hinaus tritt. "Gesegnet sind die, die nichts zu sagen haben - und dann auch's Maul halten!"

Die Stimmung ist irgendwie sonderbar, als Kid und ich schließlich dort stehen im Niemandsland zwischen unseren Zimmern. Friedel hat noch einen Moment vor der Tür gewartet, dass ich mitkomme, aber dann hat er begriffen und ist verschwunden.

"Bist du sexuell frustriert?", fragt Kid mich.

Na super. Solche Fragen auf einem Hotelflur, während alle anderen vermutlich mit den Ohren an den Türen hängen. Was sagt man da? "Ich spüre ein Verlangen...", erkläre ich leise.

Ihr Gesicht zerbricht für einen Moment und ich sehe für einen winzigen Augenblick, was hinter den Scherben ist. Dann senkt sie kurz den Kopf, verbirgt sich hinter dem Schild ihres Haares, das geplant nach vorne fällt. "Ich schlaf nicht gern allein."

Ich nehme ihr die Karte aus den Fingern und halte ihre Hand, während ich uns die Tür aufmache.
"Musst du ja nicht, ich bin ja da."

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