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18. März

Ich sitze im Zug, müde.
Ich hab die ganze Nacht nicht geschlafen.
Nicht, was man so denken könnte.
Geredet haben wir, die ganze Nacht. Erst über die Musik, dann über Köln und irgendwann über uns.

"Du hast mir was versprochen, Gipsy", warnt sie mich, ganz am Anfang.
Wir hocken in dem kleinen Zimmer, ich auf dem Bett, die Schuhe ausgezogen, Kid auf dem Stuhl, rittlings, die Arme auf die Lehne gestützt. Ein Bollwerk made by IKEA hinter dem sie sich verbarrikadiert. "Du hast mir versprochen, dass du dich nicht einmischen wirst. Ich hab dir gesagt, dass ich klar komme und du hast gesagt, du glaubst mir das."

Ich hätte tierisch gerne eine Zigarette jetzt. Aber ich muss ohne auskommen. "Stimmt ... ja...", gebe ich zu und entschließe mich dann für heute die Vorsicht fallen zu lassen. "Ich glaube, so im Nachhinein betrachtet, dass ich gelogen habe. Ich glaub nicht, dass du klar kommst."

Die hellen Lippen sind nur noch schmale Striche in ihrem blassen Gesicht.

Das Licht im Raum ist gedimmt, nur die Schreibtisch-Nachttischlampe brennt. Der weinrote Metallschirm ist nach unten gerichtet und nur schwach kann man so alles erkennen. Es ist für uns beide einfacher so.

"Sie lügen alle!", meint Kid und streicht sich ein paar Strähnen zurück.
"Naja, aber geben sie es alle zu?"
Das ist wohl mein Punkt in diesem Augenblick und Kid entspannt sich wieder etwas. Sie macht lange Pausen. Ich frage mich, worüber sie wohl nachdenkt, welchen verschlungenen Pfaden ihre Gedanken folgen. Und ich hätte wirklich, wirklich gerne eine Zigarette, als sie wieder spricht: "Wir können miteinander schlafen, wenn du willst. Ich will nicht, dass du frustriert bist."

Was macht man in so einem Moment?

Ich ziehe mich aus, Jacke, Hose, Socken und Kid tut mir nach. Als ich von meinen Socken aufsehe, brennt der Anblick ihrer nackten, rosigen Brüste jeden Gedanken an Stopfeier aus meinem Hirn. Sie steht vor mir, nackt bis auf einen kleinen, schwarzen Slip. Sie hat kurze Beine, finde ich. Sehr sexy. Sie dreht die Zehen etwas einwärts, was ich noch nie bei ihr bemerkt habe.

Mein Slip wird spontan eine Nummer kleiner - oder zwei.

Sie hebt die Hand und deutet auf mich, das T-Shirt. "Und das?", fragt sie.

"Ich will keinen Sex...", erkläre ich und sehe meinen Händen zu, die sich heben, in ihre Richtung ausstrecken.

Langsam kommt sie näher, zögernd. Ich sehe, dass sie eine Gänsehaut hat und spürte es auch, als ich ihre Seite berühre.

In meinem Kopf geht ein Feuerwerk ab. Meine Gedanken kleiden sich in Mondsilber, geschmückt mit rubinroten Tropfen von Verlangen. Sie malen Bilder von glasklarer Schönheit, von Empfindungen, so tief, dass ich endlich Ruhe finde, von einem Höhepunkt, so berauschend, dass aus den schwarzen Tränen wieder Flügel werden, die mich zurück in den Himmel tragen.
Wer könnte diesem Traumbild widerstehen? Kids Gesicht überhaucht von der sanften Röte des Begehrens.
Meine Geilheit hisst Flaggen.

Kid sinkt auf meine Knie, lehnt sich gegen mich, die Arme um meinen Hals gelegt. Ich kann ihre Brüste nun durch den Stoff des T-Shirts spüren. Sie sind weich. Und fest. Wie sie halt sein sollen...
Ich atmete unruhig und tief.

Ich bin nicht ihr erster Kerl und sie nicht mein erstes Mädchen. Ich hab schon oft zu diesem Tanz gebeten und mich hat noch keine einen schlechten Tänzer gefunden.

Ich lasse mich zurückfallen, ziehe sie mit mir, lass sie auf meinem Körper ruhen - und schaffe es irgendwie, die Decke zwischen uns zu ziehen. "Keinen Sex", murmelte ich, als ihre Finger schon am Gummi meiner Wäsche sind.

Ich wollte nicht über mich reden, ich wollte über Kid reden, aber Miss Becki schafft es immer wieder, das Gespräch abzulenken. Ich rede zu gerne über mich, als dass ich dieser Versuchung immer widerstehen könnte. Und diesen süßduftenden Körper im Arm zu haben, das ist eine gewaltige Versuchung. Und wo sich ihr Schenkel gegen den etwas seidigen Stoff meines Slips bewegt, da will man dieser Versuchung auch ganz schnell nachgeben.

Aber jetzt habe ich schon so verdammt lange gewartet, jetzt will ich es auch richtig machen. Alles. Einmal Alles richtig machen.

Schließlich, als schon ein heller Schimmer in den Himmel schlich, waren wir bei ihr. Ich habe Dinge erfahren, die ich nie wissen wollte. Was immer ich geträumt habe, es hält nicht mit der Wirklichkeit mit. Ich wünschte, ich könnte mich in ein riesiges Samttuch verwandeln und um Kid wickeln, bis sie ganz in mir geborgen ist und nichts mehr sie berühren und verletzen kann. Ich habe ihr das gesagt, aber sie hat mich nur angesehen und gesagt: "Wenn alle mich retten wollen, warum bin ich dann noch hier?"

Darauf wusste ich wirklich keine Antwort. Das passiert mir nicht oft. Ich fühlte mich wie unter einer Glasglocke, die alle Worte verschluckt, weil keines genügen würde. Kid aber gähnte und schlief ein. Nackt bis auf die Unterhose, an mich geklammert, halb auf mir schlief sie wie ein Baby.

Ich die ganze Nacht nicht - und darum bin ich jetzt müde, hundemüde im Zug. Aber Kid sitzt neben mir, den Kopf gegen meine Schulter gelehnt, so dass sich ihre Haare mit meinem mischen. Sie und Friedel sprechen über die Aufnahmen, sie lachen, reden über Artwork und Cover und Booklets.
Und darum bin ich glücklich.
Und auch ein wenig stolz.

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