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AZ 20050331. Bender, BS 27/31
26. März
Frei!
Die Welt hat mich wieder.
Wie ein neugeborenes Kind blinzele ich in die Sonne. Während der
letzten Tage war ich immer nur zum Freigang während Sturmwolken über
den Himmel zogen. Aber heute scheint sich selbst die Natur zu freuen,
dass ich wieder unter den Lebenden weile.
Nachdem ich gestern Morgen kaum die paar Meter bis zum Auto laufen konnte,
fühle ich mich heute so fit, dass ich mir auch das Ausreißen
von ein paar Bäumen zutrauen würde. Etwas Ähnliches steht
mir auch bevor, denn ich habe Kid und Friedel (und Marteen) eine SMS geschickt,
dass ich zum Bunker komme.
Ich schließe mein Rad ab und trete aus dem Sonnenschein in die
Kälte unter dem Torbogen, über dem die Schriftzeichen, die das
Wort "Jugendtreff" bilden, langsam von Moos und Staub aufgefressen
werden. Schatten umfangen mich, der vertraute Geruch nach Kühle und
Feuchtigkeit.
Als ich die Tür zum Probenraum öffne höre ich mich selbst.
Schattenkind.
Ich muss unwillkürlich lächeln, als ich daran denke, wie ich
es eingesungen habe. Die Stimmung umhüllt mich wieder, lässt
mich die letzten Tage vergessen.
Dann klärt sich mein Blick und ich sehe Friedel. Nur Friedel. Keinen
der anderen.
Friedel steht mit dem Rücken zu mir. "Hör mal...",
meint er.
Komm in meine Arme.
Komm, find Kälte.
Komm, find Ferne.
Komm, Schattenkind, bei mir bist du daheim.
"Ja...?", meine ich fragend, nachdem der Track ausgeklungen
ist.
"Hörst du was?"
"Sicher..." Ich begreife Friedel nicht. Ich verstehe sein Verhalten
nicht. Er ist doch sonst nicht so. "Was soll das?"
Er stellt das Stück wieder an, er beginnt mitten im Refrain.
"Was hörst du?", fragt er.
"Meine Güte, Friedel. Das gleiche wie du."
Der Refrain endet und Friedel drückt auf zwei Knöpfe.
Komm in meine Arme.
Komm, find Kälte.
Komm, find Ferne.
Komm, Schattenkind, bei mir bist du daheim.
"Hörst du dich?", fragt er.
"Ja, sicher." Ich klinge selbst in meinen Ohren genervt - und
wie zur Strafe ertönen die Zeilen erneut.
Komm in meine Arme.
Komm, find Kälte.
Komm, find Ferne.
Komm, Schattenkind, bei mir bist du daheim.
Ich habe eine Deja vu. Ich bin wieder in Köln, ich sitze wieder
mit Daniel im Aufnahmeraum.
Mit einem Mal weiß ich, was Friedel hört. Und ich weiß,
was er nicht hört. Und mir ist kalt. Ganz, ganz tief drinnen ist
mir kalt.
Komm in meine Arme.
Komm, find Kälte.
Komm, find Ferne.
Komm, Schattenkind, bei mir bist du daheim.
"Hörst du mich?", fragt Friedel dann schließlich
und seine Stimme klingt furchtbar rau und heiser.
"Hör mal, Friedel", flüstere ich.
"Hörst du mich?", brüllt Friedel und am Ende kippt
seine Stimme.
"Friedel...", flehe ich.
"HÖRST DU MICH?"
Komm in meine Arme.
Komm, find Kälte.
Komm, find Fer...
Ich drücke "Stopp".
"Friedel, ich kann es erklären ...", flüstere ich
und meine Kopfschmerzen sind wieder da. "Daniel..."
"Daniel!", unterbricht mich Friedel. "Daniel ist mir scheißegal."
Wortlos sehe ich ihn an, mir ist, als sähe ich ihn zum ersten Mal.
Als sähe ich zum ersten Mal, dass er Falten neben dem Mund hat, als
sähe ich diese kleine Delle in seiner Nase (Familienerbe seiner Mutter)
das erste Mal. Als wüsste ich nicht, welche Farbe seine Augen haben.
Als wäre es neu, dass er einen Stecker im Nasenflügel hat.
Wo ist der kleine, etwas pummelige Junge hin, der zur Seite rückt,
als ich vor meiner neuen Klasse stehe und der dann meint: "Kannst
hier sitzen ..."?
"Ich dachte immer, wir sind Freunde, aber so wie es aussieht, brauchst
du mich ja nicht mehr..."
Die Stimme ist soviel tiefer jetzt als damals. So tief und so voller
Schmerz.
Eine schöne, eine ausdrucksvolle Stimme.
Nur den Ton kann sie nicht halten.
"Okay ...", meint er, greift sich die Jacke, die über
dem Stuhl gehangen hat. "Okay, Gipsy, ich bin draußen."
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--- weiter ----Das Ende
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